Ganz ehrlich – an so einem Abend, wenn tatsächlich gleich zwei Produktionen aus den öffentlich-rechtlichen Töpfen mit einem Oscar nach Hause gehen, fragt man sich schon: Ist das jetzt die neue Normalität oder doch eine filmische Sternstunde, wie sie selten vorkommt? Dr. Nadine Bilke, Programmdirektorin beim ZDF, sieht in der Auszeichnung jedenfalls vor allem ein dickes Kompliment für grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Ihre Worte dazu klangen nicht nach Marketingsprech, sondern fast schon ein wenig stolz – klar, denn beide Gewinnerfilme nehmen sich großer gesellschaftlicher Fragen unserer Zeit an.
„Sentimental Value“ (Regie: Joachim Trier) setzte sich in der Königskategorie „Bester internationaler Film“ durch – nach acht Nominierungen stand beim norwegisch-schwedisch-dänisch-französisch-deutschen Gemeinschaftsprojekt am Ende tatsächlich der Oscar auf dem Podest. Die Handlung dreht sich ums Loslassen: Nach dem Tod der Mutter müssen zwei Schwestern das Elternhaus entrümpeln, und ausgerechnet der entfremdete Vater taucht wieder auf – nicht mit leeren Händen, sondern mit dem Plan für einen letzten Regieversuch und der Bitte, die eigene Tochter solle mitspielen. Familiäre Nostalgie trifft auf Wunden, die nie ganz verheilt sind. Im Ensemble glänzen Renate Reinsve, Stellan Skarsgård und Elle Fanning. Trier und Eskil Vogt steuerten das Drehbuch bei; deutsche Koproduzenten wie Maren Ade und Janine Jackowski hielten die Flagge für Komplizen Film hoch.
Die zweite große Ehrung ging an „Ein Nobody gegen Putin“, ein Dokumentarfilm von David Borenstein und Pawel Talankin, der auf ernüchternde wie auch absurde Weise das Dasein unter russischer Propaganda beleuchtet. Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Die Hauptfigur, Lehrer in Karabasch, wird erst zum Veranstalter patriotischer Events gezwungen und merkt allmählich, wie stark er damit auch selbst zum Werkzeug wird. Es wird von Zweifeln und inneren Konflikten erzählt, aber immer so, dass selbst die feinsten Brüche im System aufblitzen. Koproduziert wurde u.a. mit der BBC und dem dänischen Rundfunk.
Ach so, nicht zu vergessen: Auch "Sirt" von Óliver Laxe war mit am Start, wenn auch ohne Sieg – aber insgesamt zwölf Kategorien, drei Produktionen, das darf man ruhig mal erwähnen.
Die beiden preisgekrönten ZDF/ARTE-Produktionen zeigen, wie sehr sich europäische Kooperation im Filmbereich auszahlt – der internationale Erfolg unterstreicht die Kraft gemeinsamer Projekte. "Sentimental Value" trifft mit seinem Familienporträt einen Nerv, der auch in Norwegen und Deutschland hochaktuell ist: Umgang mit Trauma, Generationenkonflikte und die Frage, was wir aus der Vergangenheit mitnehmen. "Ein Nobody gegen Putin" spiegelt hingegen den aktuellen Zeitgeist der politischen Unsicherheit in Russland wider; der Film wird aktuell in russlandkritischen Kreisen als wichtiger Beitrag zur Dokumentation des Propaganda-Alltags gewertet. Laut aktuellen Pressestimmen (u.a. FAZ, Spiegel, Zeit) werden sowohl die künstlerische Finesse als auch der gesellschaftliche Mut der Werke hervorgehoben. Für den deutschen Film ist 2026 damit ein deutliches Zeichen gesetzt: Europa kann mehr als Blockbuster, sondern Geschichten mit nachhaltiger Wirkung und Substanz erzählen.