Kinderpsychologin drängt auf striktere Regeln für soziale Netzwerke

Kerstin Paschke, eine renommierte Expertin für Kinderpsychologie, plädiert für eine rasche und fundierte Begrenzung von Social-Media-Zugängen für Minderjährige in Deutschland. Die aktuellen politischen Initiativen kämen ihrer Ansicht nach viel zu langsam in Gang.

heute 10:05 Uhr | 3 mal gelesen

Ehrlich gesagt wundere ich mich, dass diese Debatte nicht schon viel früher geführt wurde. Wir sehen doch bereits seit Jahren, wohin die Reise mit Tiktok, Instagram & Co. geht, gerade, wenn es um unsere Kinder und Jugendlichen geht. Paschke, die das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters in Hamburg leitet, betreut regelmäßig junge Menschen, die deutliche Anzeichen von Social-Media-Sucht zeigen – und sie ist nicht zimperlich in ihrer Einschätzung: Sie fordert, dass kommerzielle soziale Netzwerke für Kinder unter 13 tabu sein sollten. Jugendliche im Alter von 14 bis 15 dürfen ihrer Überzeugung nach nur altersgerechte Inhalte sehen. Die Zahlen belegen das Problem ziemlich eindeutig: Laut aktueller DAK-Studie verbringen Heranwachsende werktags im Mittel über zwei Stunden pro Tag in sozialen Netzwerken; am Wochenende steigt dieser Wert sogar auf über drei Stunden täglich. Noch alarmierender: Der Prozentsatz der Jugendlichen mit behandlungsbedürftigem Nutzungsverhalten ist in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Was oft übersehen wird – und das hebt Paschke hervor – ist die Rolle der Eltern. Wenn Erwachsene selbst ständig am Handy hängen, kopieren Kinder dieses Verhalten meist unbewusst. Viele Eltern registrieren problematische Entwicklungen zudem erst dann, wenn sie längst zur Gewohnheit geworden sind. Paschkes Rat wirkt fast altmodisch, aber vermutlich ist er goldrichtig: Kinder brauchen klare Regeln und Orientierungspunkte. Und Eltern sollten nicht nur das Verhalten ihrer Kinder hinterfragen, sondern auch ihr eigenes.

Im Kern dreht sich alles um die Frage, ob und wie Social Media das psychische Wohlbefinden junger Nutzer beeinflusst – und wie verzögert die Politik auf diese Entwicklungen reagiert. Die Diskussion um strengere Altersgrenzen und limitierte Bildschirmzeiten für Kinder und Jugendliche gewinnt an Dringlichkeit, nicht zuletzt wegen der steigenden Zahlen medienabhängiger junger Menschen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder oft das Verhalten ihrer Eltern spiegeln und dass fehlende Grenzen zu riskantem Medienkonsum beitragen können. Ein neues Mediengesetz, das 2024 erwogen wird, könnte in Deutschland erstmals verbindliche Standards und Alterskontrollen vorschreiben. Außerdem mehren sich Stimmen, die internationale Regulierungen und eine engere Zusammenarbeit mit den Tech-Konzernen fordern, um nicht nur den Konsum, sondern insbesondere Algorithmus-Transparenz und Datenschutz kindgerechter zu gestalten. Der gesellschaftliche Diskurs bekommt angesichts jüngster Studien und rasant wachsender Nutzerzahlen neuen Zündstoff – und zwingt auch die Plattformbetreiber in eine aktivere Rolle.

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