Ramelow: Erinnerung an den Holocaust muss stärker ins Zentrum rücken

Bodo Ramelow, Bundestagsvizepräsident, sieht vermehrten Antisemitismus – auch im linken Spektrum – im schwindenden kollektiven Bewusstsein für die Schrecken der NS-Zeit begründet.

heute 07:45 Uhr | 4 mal gelesen

„Es macht mich fassungslos: Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland kann mit Auschwitz kaum noch etwas verbinden“, so Ramelow in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. In seinen Augen besteht ein direkter Zusammenhang zwischen diesem wachsenden Geschichts-Blackout und zunehmenden Ressentiments gegenüber Juden und Israel – nicht nur in der Partei Die Linke, sondern gesamtgesellschaftlich. Besonders beunruhigend findet Ramelow, dass ein Teil der jungen Leute den Narrativen von arabischen Gruppen folgt: „Plötzlich heißt es, wir tragen Schuld am Leid der Palästinenser“, erklärt er. Wer dann kein kritisches Wort über die Hamas oder Hisbollah finde, ignoriere, welche repressive, autoritär-religiöse Ideologie von diesen Organisationen vertreten wird – Themen wie Gleichberechtigung blieben da völlig auf der Strecke. Das Problem ist laut Ramelow jedoch kein exklusives Problem der Linken, sondern ein Generationsthema. Gerade mit Blick auf den nächsten Parteitag fordert er eine intensive und ehrliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus, auch innerhalb der Partei. „Wir müssen als emanzipatorische Linke unser Verhältnis zu Judenfeindlichkeit klären“, mahnt er und ist bereit, die innerparteilichen Konflikte darüber auszuhalten. "Ich habe mich bewusst entschieden, diesen Zwiespalt nicht zu übergehen, sondern aktiv mitzudiskutieren." Übrigens, das hat Ramelow mehrfach gemacht – und ist dafür nicht immer auf Applaus in den eigenen Reihen gestoßen.

Bodo Ramelow fordert eine Stärkung der Holocaust-Gedenkkultur und eine ehrliche innerparteiliche Debatte über Antisemitismus, da laut aktuellen Studien das Wissen über NS-Verbrechen in der jungen Generation erschreckend schwindet. Auch die Übernahme verengter Narrative von Teilen der Jugend, die antisemitische Argumente übernehmen, bewertet Ramelow kritisch und sieht darin eine Gefahr für das politische Selbstverständnis der Linken und der Gesellschaft insgesamt. Angesichts einer aktuellen Steigerung antisemitischer Vorfälle in Deutschland – wie aus jüngsten Berichten hervorgeht – plädieren auch andere politische Stimmen, etwa Innenministerin Nancy Faeser, für die Festigung historischer Bildung, etwa durch verpflichtende Gedenkstätten-Besuche an Schulen; Initiativen dazu werden aktuell etwa im Bundestag kontrovers diskutiert.

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