Cem Özdemir habe die Wähler nicht nur durch seine Glaubwürdigkeit und deutliche Haltung überzeugt, sondern eben auch dadurch, dass er sich nicht bedingungslos hinter die Parteilinie der Grünen stelle, so Lang bei einer Diskussionsrunde des 'Stern' am Donnerstagabend in Hamburg. Diese kleine Distanz zur eigenen Partei wirke gerade vor dem Hintergrund einer wachsenden Politikverdrossenheit besonders anziehend, meinte sie nachdenklich. 'Viele Menschen spüren eine Abneigung gegen klassische Parteistrukturen', sagte sie. 'Alles, was irgendwie nach Partei-Apparat riecht, sorgt für Widerwillen.' Gelänge es Politikern, eigene Akzente zu setzen und auch mal gegen den Strich zu bürsten, wachse ihr Ansehen oft.
Auffällig nüchtern reflektierte Lang auch den Beitrag des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer zum Wahlausgang. 'Palmer hat seinen Teil beigetragen', räumte sie ein, winkte aber bei der Idee eines Ministerpostens für ihn gleich ab: 'Nein – das ist glaube ich nicht der Weg.' Ihr Ton: pragmatisch, aber auch persönlich.
Nachdrücklich warnte sie, die Grünen wie auch die CDU sollten schleunigst in einen produktiven Modus finden, statt sich zu verbeißen, wer im Wahlkampf schärfer ausgeteilt habe. Sie sagte ehrlich: 'Diese Debatte, wer wessen Gefühle verletzt hat, lässt einen doch nur ratlos zurück.' Sie fürchtete, der Politikbetrieb verliere sich zunehmend in Self-Bespiegelung – und vergesse darüber die Wähler.
Ricarda Lang hebt Cem Özdemirs Erfolge infolge seiner Abgrenzung von Parteidogmatismus hervor. Sie betont, dass viele Bürger parteipolitischer Verkapselung misstrauen und sich eher mit Politikern identifizieren, die eigenständige Positionen vertreten. Gleichwohl verweist sie auf Boris Palmers Einfluss beim Wahlausgang, lehnt aber einen Ministerposten für ihn ab. Zugleich kritisiert Lang das Festhängen der CDU und Grünen an gegenseitigen Schuldzuweisungen nach der Wahl, da dies letztlich niemanden außerhalb des Politikbetriebs interessiere und Vertrauen verspiele.
Recherchen zeigen: Bislang ist Özdemirs politische Linie tatsächlich oft weniger linientreu als die seiner Parteikollegen, was ihm über Parteigrenzen hinaus Respekt und Stimmen eingebracht hat. Diskussionen über die künftige Regierungsbildung zwischen Grünen und CDU in Baden-Württemberg laufen aktuell noch, wobei auch innerparteiliche Spannungen weiter sichtbar sind. Auch bundesweit beschäftigt die Frage nach glaubwürdigem, parteiunabhängigerem Handeln viele Parteien – mit Blick auf aktuelle Wahlergebnisse und die Vertrauenslage in der Bevölkerung.