Kein Vertrauen in die Pflegefinanzen
Das Thema Pflege touchiert in Schleswig-Holstein offenbar einen wunden Punkt: Laut Umfrage meinen 81 Prozent dort, dass die Pflegeversicherung viel zu wenig Geld habe – ein Befund, der zum Nachdenken zwingt. Für die kommenden Jahre sieht es aus Sicht der Befragten nicht rosig aus: 84 Prozent bezweifeln, dass die Sozialversicherung auf soliden Beinen steht; gerade einmal elf Prozent sind optimistisch. Und 85 Prozent gehen davon aus, dass ihre eigenen Beiträge bald noch weiter steigen, was wenig Begeisterung auslöst.
Versicherungsfremde Lasten drücken die SPV
Tom Ackermann von der AOK meint, allein mehr Effizienz oder Sparmaßnahmen reichten schon lange nicht mehr. Stattdessen solle nach seiner Ansicht der Staat in die Bresche springen, da die Pflegeversicherung seit Jahren Aufgaben wie Rentenbeiträge für pflegende Angehörige stemmt, obwohl das eigentlich alle etwas angeht – nicht nur die Beitragszahler.
Angst vor Kostenfalle Heim
Die Belastung für Heimbewohner ist konkret: Rund 2.400 Euro im Monat nur für den Pflegeplatz – das kann leicht zur Überforderung werden. 85 Prozent haben Angst, dass sie diese Summen später nicht mehr stemmen können. Viele (62 Prozent) fürchten, ihre letzten Jahre mit Fremden im Mehrbettzimmer zu verbringen. Die Hälfte bangt, der Familie auf der Tasche zu liegen; und fast ebenso viele wollen nicht im Nirgendwo ohne erreichbares Pflegeheim stranden. Ackermann fordert, die Länder sollen endlich mehr für die Ausstattung zahlen. Eine Pflegereform müsse also auch Struktur und Finanzierung völlig neu denken. Wenn Ausbildungskosten künftig nicht mehr in den Eigenanteilen landeten, könnten die Heimbewohner deutschlandweit um eine Milliarde Euro im Jahr entlastet werden, rechnet die AOK vor.
Kritik an Infrastruktur
Was nützt ein Pflegeheim, wenn es keines gibt? Die Hälfte der Schleswig-Holsteiner hält die Angebote vor Ort (Heime, Pflegedienste, Beratungen) für zu eingeschränkt. Ein Drittel ist immerhin zufrieden – aber das ist ein dürftiger Trost, in Anbetracht steigender Alterung und fehlender Fachkräfte. Ackermann sieht eine echte Aufgabe für Politik und Gesellschaft: Statt immer nur zu verwalten, müsse man mutig umstrukturieren und lokale Pflege stärken.
Wie wurde gefragt?
Befragt wurden bundesweit online rund 10.000 Personen, davon gut 1.000 in Schleswig-Holstein. Das Verfahren stellt durch statistische Methoden sicher, dass die Zahlen auch auf Landesebene belastbar sind. Trotzdem bleibt: Zahlen sind das eine. Die Unsicherheit, die sie ausdrücken, dürfte aber jeden berühren, der in den nächsten Jahren auf Pflege angewiesen sein könnte.
Die Umfrage unterstreicht, wie groß der Vertrauensverlust gegenüber der Pflegepolitik in Schleswig-Holstein inzwischen ist: Vier von zehn geben der Bundesregierung die schlechteste Schulnote – das ist deutlich. Besonders kritisch ist der Umgang mit den immer weiter steigenden Eigenanteilen im Heim: Solche finanziellen Belastungen machen vielen Angst, ebenso wie das Gefühl, später vielleicht auf Familienhilfe oder Notlösungen mit Mehrbettzimmern angewiesen zu sein. Zu den Hintergründen: In den letzten Tagen wurde der politische Streit um die langfristige Finanzierung der Pflegeversicherung bundesweit zum Thema; Berichten zufolge sind die Bundesmittel (allen voran im 'Zukunftspakt Pflege') weiterhin viel zu knapp bemessen, während steigende Kosten durch eine wachsende Zahl Pflegebedürftiger und Personalmangel verschärft werden. Hinzu kommt, dass Bundesgesundheitsminister Lauterbach zwar Reformbereitschaft signalisiert hat, aber die vielen ungelösten Detailfragen – etwa zur Entlastung pflegender Angehöriger oder zur Finanzierung der Investitionskosten – weiterhin für Ernüchterung sorgen. In Schleswig-Holstein konkretisieren sich diese Probleme durch hohe Eigenanteile und einen ausgeprägten Mangel an Pflegeplätzen auf dem Land. Überschattet wird das Ganze von wiederkehrenden Debatten um eine größere staatliche Grundsicherung und die Frage, wie stark private Vorsorge künftig gefordert wird. Trotz Modellprojekten und angekündigten Investitionen bleibt die Unsicherheit bei vielen Bürgern gravierend.