Nach Ansicht von Waigel sollte sich die CSU in einer Art Klausur oder innerhalb einer Grundsatzkommission ernsthaft über ihre künftige Linie austauschen – und dazu nicht nur CSU-Granden laden, sondern auch Stimmen von Theologen, politischen Philosophen und gesellschaftlichen Gruppen zu Wort kommen lassen. Erst wenn in diesem Format Ideen und Positionen erarbeitet wurden, sei ein Parteitag der richtige Ort für die Debatte. Hintergrund ist der sogenannte 'Pfingstbrief' von CSU-Vize Manfred Weber, der der Partei inhaltliche Schwächen und eine zu sehr auf schnelle Aufmerksamkeit ausgerichtete Politik vorgeworfen hatte. Waigel sieht darin einen Weckruf – und eigentlich nur ein längst fälliges Signal: Die CSU müsse sich laut ihm erneut fragen, wie sie wieder eine echte Partei- und Demokratiebewegung sein kann. Eine ehrlichere Auseinandersetzung mit sich selbst sei nötig – nicht nur kritisieren, sondern auch eigene Fehler anerkennen, betont Waigel. Kritik an der Führung solle nicht als Affront gewertet werden – seiner Meinung nach ging es in früheren Zeiten ohnehin oft heftiger zu. Auch Markus Söder solle Webers Impulse lieber aufnehmen statt sich angegriffen fühlen, so Waigel. Für ihn zählt zudem, dass an der Parteispitze unterschiedliche Typen gebraucht werden. Es reiche eben nicht, wenn einer alles dominiert: 'Sei du selbst – aber gib auch anderen Raum, sie selbst zu sein', zitierte er den Philosophen Max Müller.
Waigels Vorstoß trifft einen Nerv, denn die CSU steckt nach schwachen Wahlergebnissen und innerparteilichen Differenzen erneut in einer Orientierungsphase. Viele Mitglieder wünschen sich mehr Mitbestimmung und einen breiteren internen Diskurs, statt nur von oben kommende Parolen umzusetzen. Gerade die letzten Wochen und Monate zeigen, dass die Debatte um den zukünftigen Kurs – konservativer Markenkern oder modernisierte Volkspartei – wieder akut ist. Entscheidende Fragen: Wie bleibt die CSU anschlussfähig, ohne ihr Profil zu verlieren? Laut Medienberichten gibt es bereits erste Gespräche über neue Plattformen für mehr innerparteiliche Kritikfähigkeit. Zudem werfen Politikwissenschaftler ein, dass die CSU Gefahr läuft, zwischen AfD und FDP leerlaufen – spätestens seit den Landtagswahlen ist klar geworden, dass traditionelle Antworten oft nicht mehr ausreichen. Interessant ist auch die Debatte als Teil eines größeren Trends in deutschen Parteien: Der Drang nach Erneuerung spiegelt sich ebenso bei SPD, Grünen und CDU wider, wie verschiedene Stimmen in der Presse hervorheben (siehe u. a. Kommentare auf taz.de und zeit.de). Das legt nahe, dass die CSU mit einer ernst gemeinten Grundsatzdiskussion einen Nerv nicht nur in Bayern trifft, sondern auch bundesweit Beachtung findet.