"Gut fünf Jahre ist es nun her, doch die Flutnacht von 2021 ist für viele mehr als eine Zahl im Kalender – sie ist Teil ihrer Biografie. Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter von Land und Bund, sehr geehrte Gäste.
In Swisttal-Heimerzheim, meiner Gemeinde, dreht sich jedes Fest, jede Zusammenkunft wie selbstverständlich früher oder später um jene Juli-Nacht. Damals brachen Bäche und Flüsse die Ufer, kleine Gewässer wurden zu tosenden Strömen, die alles mitrissen – Erinnerungen, Lebenswerke, Vertrauen in die Sicherheit des Alltags.
Ich will an diesem Tag meine ganz eigene Erinnerung teilen: Am Nachmittag des 14. Juli war ich noch in der Maria-Magdalena-Kirche, als draußen das Unwetter losbrach. Bald schon strömten Wasser und Dreck herab, der Zugang war verschüttet. Mein Anruf bei der Feuerwehr blieb erfolglos, die Helferinnen und Helfer waren längst ausgelastet. Kaum hatte ich um Unterstützung gebeten – via Handyfoto ins Netz geschickt –, erschienen schon Nachbarn und Freunde. Gemeinsam brachten wir Akten in Sicherheit, verbarrikadierten Fenster, machten Strom aus. Damals ahnte ich nicht, wie viele dieser Helfenden in den nächsten Stunden selbst alles verlieren würden.
In der provisorischen Unterkunft in der Turnhalle herrschte bald hektisches Treiben: Eltern, Kinder, Evakuierte suchten Schutz – einige noch halb im Schock, andere voller Tatendrang. Schmerz und Hilfsbereitschaft teilten sich die Hand. Ich erinnere an die Kindergarten-Erzieherinnen, die Schlafplätze richteten, an den Regenbogen am Fenster, an Menschen, die nach Kleidung, Decken, Trost suchten. Die Hilfsbereitschaft war überwältigend – niemand fragte lange, alle packten an.
Am Morgen dann das surreale Bild: ein überfluteter Friedhof, Häuser im Wasser, Rettungskräfte überall, Helikopter in der Luft. Einige wurden gerettet, andere kamen in jener Nacht um. Ich stand mit den Angehörigen, mit Überlebenden – manchmal einfach nur da, schlicht sprachlos. Das THW, die Nachbarschaft, junge Leute, Alte – plötzlich war jeder Teil der Rettung, und jeder an der Grenze seiner Kraft.
Am Tag danach wurde die Kirche ein Ort des Lichts: Spenden, Strom, Wasser, offene Türen. Ältere Damen kochten Kaffee, Jugendliche schleppten Verpflegung, Hilfe kam aus dem ganzen Land. Gemeinsam wurden Aufgaben verteilt – spontan, direkt, unbürokratisch. An der improvisierten Infostelle verteilten wir Klebezettel, verbanden Menschen, schufen Struktur im Chaos.
Die folgenden Wochen brachten neue Routinen: Frühe Treffen zur Lagebesprechung, geteilte Sorgen, gemeinsame Lösungen. Angst, Trauer, gleichzeitig Hoffnung – und am Ende das Gefühl: Wir sind nicht allein, wir halten zusammen.
Was mir durch diese Zeit half? Die Erinnerung an einen Bibelvers: „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ Das Wort Zuversicht prägte unsere ganze Hilfe, wurde zum Symbol – online und offline. Viele kämpfen immer noch – aber der Zusammenhalt bleibt. Lassen wir uns das bewahren.
Heute erinnern wir. Wir gedenken derer, die gestorben sind. Und reichen einander – vielleicht leise, vielleicht laut – die Hand. Ich lade Sie ein: Stehen wir gemeinsam auf für ein stilles Gedenken."
Überblick Flutkatastrophe:
Im Juli 2021 kamen allein in Deutschland über 180 Menschen durch Überschwemmungen ums Leben, besonders getroffen waren das Ahrtal in Rheinland-Pfalz und Gemeinden in NRW. Tausende Häuser, Straßen und Betriebe wurden zerstört, Hunderttausende litten materielle und seelische Not. Bis heute ringt die Region mit dem Wiederaufbau, vielen Narben – aber auch gestärkter Solidarität.
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Die Rede von Claudia Müller-Bück reflektiert eindrücklich, wie stark das Gemeinschaftsgefühl nach der Flutkatastrophe 2021 in NRW und Rheinland-Pfalz war, aber auch, wie viel Verzweiflung, Schmerz und letztlich Mut sie in der Region ausgelöst hat. Besonders auffällig ist, wie augenblicklich und kreativ Nachbarn, Freunde, völlig Fremde halfen – teils aus ganz Deutschland –, um mitten im Chaos das Nötigste zu sichern und Trost zu spenden. Zwar wurde viel wieder aufgebaut, aber die Erfahrungen jener Tage und der Verlust geliebter Menschen sind im kollektiven Gedächtnis tief verankert; sowohl der Zusammenhalt als auch die Herausforderungen des Wiederaufbaus prägen die betroffenen Regionen bis heute. Erweiternd sei hinzugefügt: Medial ist derzeit zu beobachten, dass sowohl juristische als auch politische Konsequenzen aus der Flut weiter diskutiert werden, insbesondere der Umgang mit Warnsystemen und Katastrophenschutz. Viele Betroffene kämpfen weiterhin mit Bürokratie oder dem langsamen Wiederaufbau, gerade im Ahrtal häufen sich Berichte über noch immer leerstehende Gebäude und psychische Langzeitfolgen. Themen wie Klimaanpassung, nachhaltiger Hochwasserschutz und gesellschaftliche Resilienz werden verstärkt debattiert, wobei spezielle Fördermittel-Programme, Selbsthilfeinitiativen und der Ruf nach staatlicher Unterstützung zentrale Rollen spielen.