Ein Satz, der mir immer wieder im Kopf herumspukt: '85% der Azubis fühlen sich in Sachen KI-fit.' Klingt fast schon trotzig. Doch wenn man genauer hinschaut, hat nur eine Minderheit – knapp 15% – jemals tatsächlich eine Schulung in Sachen KI besucht. Dass fast die Hälfte der Ausbildungsbetriebe bis heute Lernangebote zur Künstlichen Intelligenz schlicht nicht anbietet, passt ins Bild. Und so wenden sich die jungen Leute offenbar an andere Quellen.
Im übrigen zeigen die Ergebnisse auch: Der Bewerbermarkt bricht ein – das ist weder neu noch überraschend, aber in diesem Jahr scheint es heftiger zu werden. Weniger als ein Drittel der Bewerber:innen erhält mehr als ein Ausbildungsangebot, ein Tiefstand seit zehn Jahren. Und trotzdem kriegen etliche Unternehmen ihre Lehrstellen weiterhin nicht besetzt. Verrückt, oder? Ein klassisches Dilemma.
Auch das Thema Gesundheit macht in der Studie einen Sprung nach vorn: Drei Viertel der Ausbilder beobachten einen zunehmenden Krankenstand – allerdings glauben viele von ihnen, dass Azubis sich öfter mal grundlos krankmelden. Die Azubis selbst widersprechen überraschend vehement. Woran liegt’s? Die Ausbildungsverantwortlichen vermuten: steigende psychische Belastung und Überforderung. Die Azubis nennen zusätzlich private oder familiäre Gründe. Dass sich diese Einschätzungen so stark unterscheiden, ist einer der Punkte, der mich umtreibt. Reden wir eigentlich wirklich offen über psychische Belastung? Wahrscheinlich nicht.
Auffällig (und ehrlich gesagt seit Jahren ärgerlich): Viele Firmen nehmen ihre eigenen hohen Bewerbungshürden nicht ernst. Während Kandidat:innen – vor allem Frauen – sich von unzähligen Anforderungen abhalten lassen, winken die Betriebe im Zweifel auch unvollständige Profile durch. Da wirkt der Prozess wie ein Filter mit Schlagseite. Ein weiteres Thema: Transparenz bei der Ausbildungsvergütung – die Hälfte der Unternehmen nennt zwar konkrete Summen in Stellenanzeigen, aber noch immer fehlt oft Information oder es bleiben nur vage Angaben. Es gibt also noch eine Menge Hebel, an denen man drehen könnte, damit Ausbildung besser, fairer und offener wird.
Die duale Ausbildungsstudie der u-form Testsysteme legt offen, wie stark KI-Lösungen klassische Ausbilder und Berufsschullehrer in Sachen Wissensvermittlung herausfordern – vor allem aus Sicht der Auszubildenden selbst. Während viele Azubis sich digital kompetent fühlen, fehlen flächendeckende Weiterbildungs- und Lernangebote zum Thema Künstliche Intelligenz sowohl in schulischer als auch betrieblicher Ausbildungspraxis. Zeitgleich kriselt der Bewerbermarkt weiter, Unternehmen und Nachwuchskräfte finden oft schwerer zueinander und der wachsende Krankenstand – insbesondere psychisch bedingte Fehltage – bleibt ein strukturell vernachlässigtes Thema, über das offen zu sprechen immer noch schwer fällt.
Weitere aktuelle Entwicklungen (Recherche & Ergänzungen):
- Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) bleibt die Ausbildungsquote in Deutschland weiterhin rückläufig. Der demografische Wandel und die Konkurrenz durch Hochschulstudium verschärfen den Fachkräftemangel, wobei Unternehmen zunehmend flexiblere Wege beim Azubi-Recruiting gehen.
- Die Bundesregierung plant, KI-Kompetenzen als Teil der digitalen Grundbildung im schulischen Kontext zu verankern. Das Ziel: jungen Menschen den souveränen und kritisch-reflektierten Umgang mit KI beizubringen und Unternehmen für digitale Transformation zu stärken.
- Aus mehreren aktuellen Berichten geht hervor, dass insbesondere psychische Erkrankungen unter jungen Menschen in Ausbildung stark gestiegen sind – eine Entwicklung, die von Expert:innen teilweise mit den Nachwirkungen der Corona-Krise und steigendem Leistungsdruck erklärt wird.