„Muss es eigentlich so viele Kassen geben?“ Mit dieser fast beiläufig wirkenden, aber durchaus brisanten Frage hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken einen kleinen Stein ins Wasser geworfen, dessen Wellen gerade erst zu höher schlagen beginnen. In einem Interview mit der 'Bild am Sonntag' deutete sie an, dass man die Anzahl der Krankenkassen durchaus mal kritisch hinterfragen könnte. Eigentlich faszinierend: Während viele Länder auf große Einheitskassen setzen, wuchert hierzulande ein Dschungel an Anbietern. Warken klingt offen dafür, künftig Mindestgrößen für Krankenversicherungen einzuführen – wie viele Versicherte sollten es vielleicht mindestens sein, damit eine Kasse bestehen kann? "Das lassen wir uns aktuell nochmals von der Kommission anschauen", betont sie und wirkt dabei, als könnte sich tatsächlich etwas bewegen.
Kritik am Einsparwillen der Kassen kontert Warken mit dem Hinweis, dass die Regierung die Krankenkassen im neuen Maßnahmenpaket ordentlich in die Verantwortung genommen habe. Verwaltungskosten, Werbebudgets, Vorstandsgehälter – das alles wird gekappt, oder zumindest gedeckelt. Ein bisschen klingt das nach Frühjahrsputz mit Schere und Maßband.
Interessant wird es bei einem anderen Dauerbrenner: der Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Warken zeigt sich vorsichtig optimistisch: "Ich unterstütze alles, was den Leuten einen gesünderen Lebensstil näherbringt," meint sie und erinnert daran, dass andere Länder hier bereits vorgeprescht sind. Aber, typisch Deutschland, muss das Thema wohl erst noch in diversen Runden weiterdiskutiert werden.
Im Kern geht es Warken um Effizienz und Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung: Weniger Bürokratie, klare Strukturen, und eventuell ein Ende der Kleinstkassen, die mehr verwalten als heilen. Im europäischen Vergleich fallen die vielen Krankenkassen in Deutschland auf – laut Zahlen des GKV-Spitzenverbandes gibt es aktuell über 90 gesetzliche Krankenkassen, Tendenz langsam fallend durch Fusionen und striktere Finanzregeln. In anderen EU-Ländern existiert zumeist eine einzige staatliche Krankenkasse oder nur ein kleinerer Verband – das deutsche System wirkt fast schon archaisch vielfältig. Eine Reduzierung soll nicht nur Verwaltungskosten senken, sondern auch die Verhandlungsstärke der Kassen gegenüber Pharmaindustrie und Kliniken bündeln. Zeitgleich mehren sich Stimmen, die warnen, dass zu große Einheiten abgehoben und wenig patientennah werden könnten.
Aktuelle Berichte bestätigen den wachsenden Reformdruck: Erst am Wochenende hat die Koalition weitere Sparauflagen für Krankenkassen beschlossen, insbesondere bei Werbung und den Gehältern der Vorstände. Die Einführung einer Zuckersteuer, wie von der Weltgesundheitsorganisation mehrmals empfohlen, bleibt bislang jedoch ein Zankapfel in der Regierung – der Gesundheitssektor fordert sie, das Finanzministerium und Teile der Koalition zögern noch. Spannend bleibt somit nicht nur, wie viele Krankenkassen künftig übrigbleiben, sondern auch, ob die Gesundheitspolitik bei Prävention und Effizienz mehr Tempo macht.