Zehn Jahre nach dem Brexit – Wie pragmatisch ist Europa heute?

Gütersloh/Berlin – Als Großbritannien am 23. Juni 2016 seinen Abschied aus der EU beschloss, stand Europa unter Schock. Jetzt, ein Jahrzehnt später, legt die Bertelsmann Stiftung umfassende neue Umfrage-Ergebnisse vor: Weder hat der Brexit einen Dominoeffekt ausgelöst noch eine dauerhafte Kluft zwischen EU und UK hinterlassen. Tatsächlich scheint der Wunsch nach Zusammenarbeit auf beiden Seiten wieder zu wachsen – fernab der einstigen Untergangsszenarien.

heute 09:05 Uhr | 3 mal gelesen

Die vorliegenden Zahlen stützen sich auf zehn Jahre Meinungserhebungen, die seit dem Brexit-Votum immer wieder durch die Medien geisterten. Besonders spannend: Während nach dem Referendum viele befürchteten, weitere Staaten könnten den Stecker ziehen und „leave“ rufen, blieb der große Exodus aus. 2026 sind nur noch 21 Prozent der Britinnen und Briten – und 18 Prozent der EU-Bevölkerung – davon überzeugt, dass noch mehr Länder nachziehen werden. Im Vergleich dazu war 2018 die Sorge im Volk noch doppelt so hoch. Bemerkenswert auch: Die knappe Pro-Brexit-Mehrheit von damals ist längst passé, inzwischen sprechen sich 57 Prozent der Briten wieder für den Verbleib in der EU aus. Die optimistische Grundstimmung der Austrittsbefürworter aus den Anfangsjahren scheint verflogen, heute glauben deutlich weniger Menschen auf der Insel an eine rosige Zukunft für sich persönlich – nur 41 Prozent sind noch zuversichtlich. Es ist erstaunlich: Bei vielen Kernthemen ähneln sich die Einstellungen dies- und jenseits des Kanals mittlerweile mehr als gedacht. Gut zwei Drittel (Großbritannien 66 %, EU-Bürger 71 %) befürworten eine stärkere Rolle der EU in der globalen Politik. Gleichzeitig herrscht eine gewisse Nüchternheit: Tiefergehende Integration stößt auf Skepsis, doch die Bereitschaft zu praktischer, strategischer Kooperation ist weiterhin hoch. "Vom Anfang vom Ende der EU ist nichts zu spüren", sagt Florian Kommer von der Bertelsmann Stiftung. Auch Jake Benford sieht wachsenden Pragmatismus, der sich nicht nur in Zahlen, sondern auch in neuen Erwartungen der Menschen an die Politik spiegelt – weniger Trennung, mehr Miteinander. Der vollständige Datensatz und weitere Zahlen sind frei zugänglich unter: https://eupinions.eu.

Nach zehn Jahren Brexit sind viele Befürchtungen nicht eingetroffen: Weder hat sich der Austritt Großbritanniens auf andere Mitgliedstaaten übertragen, noch ist eine nachhaltige Entfremdung zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU eingetreten. Die aktuellen Umfragewerte zeigen sogar, dass das Vertrauen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf beiden Seiten wieder steigen – viele Menschen differenzieren mittlerweile klar zwischen EU-Mitgliedschaft, gemeinsamer Außenpolitik und pragmatischen Alltagslösungen. Interessanterweise hat die britische Bevölkerung ihre Haltung in Richtung EU zum Positiven verändert, wobei vor allem sicherheits- und wirtschaftspolitische Interessen im Vordergrund stehen; parallel wurden in aktuellen Berichten von DW und Zeit aufgeschlüsselt, dass sich gerade in Handelsfragen und studentischem Austausch wieder eine Annäherung abzeichnet, während im politischen Alltag vor allem Sachlichkeit und Routine zwischen Brüssel und London überwiegen.

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