Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle erwägt Rückzug – Weimer berichtet von Angebot

Nach massiven Spannungen rund um das Berliner Filmfestival hat die Intendantin Tricia Tuttle laut Kulturstaatsminister Weimer selbst ihren potenziellen Abschied ins Spiel gebracht. Die jüngsten Proteste und die aufgeheizte Atmosphäre belasteten sie offenbar sichtbar.

heute 10:59 Uhr | 1 mal gelesen

Tricia Tuttle hat sich, so schildert es Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, direkt an ihn und seinen Amtschef gewandt und betont, dass sie in dieser Atmosphäre kaum noch einen klaren Kopf behalten könne und nicht mehr sicher sei, unter den aktuellen Umständen weitermachen zu wollen. Die Stimmung nach den pro-palästinensischen Protesten und den politischen Reaktionen hat sie wohl nachhaltig getroffen. Weimer sagt, es habe ein sehr offenes, sogar unbequem ehrliches Gespräch über die ganze vertrackte Lage gegeben. Wegen des Eklats sehe man sich gezwungen, auch auf Leitungsebene grundsätzlich nachzudenken – der Aufsichtsrat sei informiert, konkrete Details aber blieben vertraulich, weil Gespräche noch laufen. Am Mittwoch solle ein Treffen mit Tuttle und dem Gremium stattfinden; alle hofften auf schnelle Klärung. Die Kritik aus Teilen der Filmszene kennt Weimer und nimmt sie durchaus ernst, hält jedoch dagegen, dass manch hartes Urteil auf mangelndem Einblick in die Situation beruhe. Solidarität für Tuttle sei wichtig und könne stärken, doch warnt er: Relativierungen von antisemitischen Vorfällen oder aggressivem Aktivismus hält er für inakzeptabel, ungeachtet parteilicher Sympathien.

Die Berlinale steht aktuell im Mittelpunkt einer hoch emotional geführten Debatte, ausgelöst durch pro-palästinensische Proteste bei der Festival-Ausgabe 2024. Tricia Tuttle, deren Führungsstil bisher als international, weltoffen und integrativ galt, zeigte sich offenbar von der Schärfe der politischen Auseinandersetzung überfordert und bot ihren Rückzug an – eine für deutsche Kulturinstitutionen eher seltene Offenheit. Das Umfeld des Festivals wirkt verunsichert; von Künstlerinnen und Künstlern kommt einerseits viel Solidarität mit Tuttle, während andererseits sowohl der gesellschaftliche Diskurs über Antisemitismus als auch Fragen nach dem politischen Selbstverständnis von Kulturbetrieben neue Brisanz gewinnen.

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