Wenn der Chicago River gemächlich durch Downtown gleitet, lässt sich leicht vergessen, dass hier ein ganz eigener Sound die Stadt prägt – und zwar so unmittelbar wie der Wind, der über die Straßen pfeift. Der Chicago Blues ist eben mehr als nur Musik. Er ist Erinnerung, Protest, Euphorie, manchmal alles auf einmal – und ein Paradebeispiel dafür, wie Kultur sich in Schichten und Umwegen fortschreibt.
Etwas Historisches steckt in jedem Ton: Die Anfänge sind untrennbar mit der sogenannten "Great Migration" verknüpft. Afroamerikanische Familien suchten bessere Jobs und weniger Diskriminierung in den boomenden Industriestädten des Nordens. Mit dabei: Der Delta Blues, schnörkellos, roh, ursprünglich akustisch. An den Straßenecken Chicagos verwandelte er sich langsam, getragen von elektrischen Gitarren und pochender Mundharmonika, in ein Stadtphänomen. Man stelle sich den Lärm der Bahnen, das Dröhnen der Fabriken vor – Musik musste lauter, kräftiger, urbaner werden.
Schlüsselschauplätze gibt es viele, der berühmte Maxwell Street Market beispielsweise oder die legendäre Checkerboard Lounge. Klanggeschichten wurden bei Chess Records geschrieben – Studios, die Klassiker mit Muddy Waters, Howlin' Wolf und Willie Dixon einspielten. Mit Buddy Guy, Bo Diddley und anderen Ikonen wurde der Blues nicht nur zum Exportgut, sondern zur Inspirationsquelle für Soul, Rock und Pop.
Das ist übrigens kein Auslaufmodell: Noch heute gilt Chicago als Hochburg des Blues. Die Geschichte atmet im Osten der Stadt, etwa an der 2120 S. Michigan Ave. Das ehemalige Chess-Records-Studio beherbergt heute die Blues Heaven Foundation von Willie Dixon – ein ganz eigenwilliges Museum mit Konzertgarten und viel (Lebens-)Geschichte in den Wänden.
Apropos Ikonen: Buddy Guy (demnächst stolze 90!) ist in Chicago Legende geblieben. Sein Club Buddy Guy's Legends ist nicht nur Mekka für Fans, sondern eine Art Naherfahrung für alle, die Blues fühlen wollen. Wer Glück hat, erlebt ihn sogar noch auf der Bühne – eine Szene, die irgendwie jedes Mal neu und echt ist.
Zur Live-Szene: Kingston Mines (seit '68 offen!) lebt Blues rund um die Uhr, im Blue Chicago kracht’s elektrifiziert, und in der House of Blues mischen sich Nostalgie und moderne Technik. Rosa’s Lounge oder The Bassment zeigen, dass Tradition auch in kleinen, versponnenen Clubs zu Hause ist.
Nicht zu vergessen: Das Chicago Blues Festival – internationales Großereignis und Eigenlob zugleich. Gratis, legendär und jeden Juni mit Zehntausenden Blueshungrigen auf den Wiesen des Millennium Park. Legenden gehen dort ein und aus – ab und zu gibt’s ein spezielles Tribute, etwa für B.B. King, während junge Talente das Genre vorantreiben.
Und sonst so? Chicago bleibt eine Bühne: architektonisch, kulinarisch, in Museen und in den zahllosen Parks. Wer Chicago im Kern erfassen will, darf sich nicht nur treiben lassen, sondern muss auch zuhören – denn manchmal sagt ein Gitarrensolo mehr als tausend Postkarten.
Der Chicago Blues ist in mehreren Schichten der Stadtgeschichte verwoben: Er entstand im Zuge der Great Migration, als Südstaaten-Blues nach Chicago kam und zum elektrifizierten, urbanen Sound reifte. Heute pflegen legendäre Clubs wie Buddy Guy's Legends, Kingston Mines und Blue Chicago das Erbe, während das jährliche Chicago Blues Festival die lebendige Szene international feiert. Aktuell rückt die wachsende Bedeutung von Kulturveranstaltungen für Chicagos Tourismus verstärkt ins öffentliche Bewusstsein; zugleich suchen jüngere Musiker verstärkt nach Wegen, die Identität des Blues in einer digitalisierten Welt neu zu definieren, etwa durch Cross-Over-Konzepte mit Soul oder Hip-Hop. Laut aktuellen Medienberichten hat die Stadt zudem angesichts ihres reichen Musikschatzes eine neue Image-Kampagne gestartet, die Kultur und Musik als Standortfaktoren noch deutlicher hervorhebt. Auch der 90. Geburtstag von Buddy Guy gibt Anlass zu Rückschau und feiner Selbstironie in Chicago: Viele empfinden die Nachfolge-Generation als zu brav, andere freuen sich über frisches Experimentieren junger Blues-Musikschaffender.