Verständlicherweise sorgt eine solche Situation für Frustration in den Kasernen. Klar, es ist lobenswert, neue Interessenten für die Bundeswehr zu gewinnen, aber wer kann es den aktuell Diensttuenden verübeln, wenn sie sich nicht genug wertgeschätzt fühlen? Hier mangelt es nicht nur an Kommunikation, sondern auch an Planung, die sich an den tatsächlichen Umständen orientiert. Zum Beispiel Mietzuschüsse: Die müssen an das Preisniveau vor Ort angepasst werden, alles andere ist Augenwischerei.
Noch problematischer sieht es mit dem jüngsten Beförderungsstopp für Feldwebel aus, der seit Juli in Kraft ist. Otte kritisiert das Verteidigungsministerium dafür, dass bislang keine Lösung präsentiert wurde. Die Stimmung leidet, und viele Soldaten wissen schlichtweg nicht, wie es mit ihrer Laufbahn weitergehen soll – das ist kein Zustand. Solche Unsicherheiten gehen auf die Moral wie Regentage auf die Stimmung.
Ein weiteres Ärgernis: der Aufbau der deutschen Brigade in Litauen. Viele Soldaten werden jetzt zwangsweise dorthin versetzt, weil sich zu wenige Freiwillige finden – wenig überraschend, wenn Auslandsverwendungen durch abgeschaffte Zuschläge für die Mannschaftsdienstgrade deutlich weniger lukrativ sind. Dass Reservisten ihre Mahlzeiten teilweise aus eigener Tasche zahlen müssen, macht es nicht besser; am Monatsende bleibt oft nicht mehr übrig als bei einem Heimateinsatz. Für Familien und junge Soldaten ist das kein Anreiz, ihren Lebensmittelpunkt ins Baltikum zu verlegen. Eigentlich müsste Litauen für alle Dienstgrade und deren Familien attraktiver werden.
Was den neuen freiwilligen Wehrdienst angeht – das klingt auf dem Papier schön, aber Otte ist skeptisch. Bis Anfang 2027 müsse man prüfen, ob die anvisierten Zahlen durch Freiwillige wirklich erreicht wurden. Ansonsten, so sein Appell, muss über verpflichtende Lösungen gesprochen werden, allein schon weil die Ausbildung viel Zeit braucht. Entscheidend sei, dass aus den auf dem Papier vorhandenen Soldaten auch einsatzfähige Kräfte werden – nur dann macht Aufwuchs Sinn. Ein größerer Sprung bei Zeit- und Berufssoldaten ist nötig, anders wird die Bundeswehr ihre Ziele kaum erreichen. Und: Otte jedenfalls traut dem 'Freiwilligen-Beifang' nicht über den Weg.
Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Henning Otte, prangert eine ungleiche Behandlung zwischen langjährigem Bundeswehrpersonal und neuen Freiwilligen an. Er warnt, dass strategische Fehlentscheidungen, wie räumungsbereite Soldaten ohne Gegenwert oder der Wegfall von litauenspezifischen Extras, die Moral erheblich belasten. Noch brisanter: Bereits im Frühjahr hatte Otte auf strukturelle Defizite bei der Personalplanung hingewiesen, insbesondere angesichts der Aufgabenverlagerung nach Litauen und der stockenden Aufstockung der Truppenstärke – kritische Stimmen fordern daher mehr Klarheit, echte Anreize und eine ehrliche Bilanz des neuen Wehrdienstmodells.
Bei der aktuellen Recherche zeigt sich: Otte ist mit seiner Kritik nicht allein. In Beiträgen sowohl konservativer als auch liberaler Medien wird auf einen Mangel an Wertschätzung für erfahrene Soldatinnen und Soldaten verwiesen. Übereinstimmend wird gefordert, das Augenmerk nicht nur auf Nachwuchswerbung, sondern auch auf die Lebensrealität derjenigen zu legen, die längst das Rückgrat der Bundeswehr bilden.