Es ist erstaunlich, wie direkt Bettina Orlopp mit dem Übernahmedruck umgeht. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht sie nicht um den heißen Brei: „Größe?“ – ein Wort, das sie fast müde zu machen scheint. Sie bringt es auf den Punkt: Je mehr Geschäfte sich auf eine Bank konzentrieren, desto riskanter wird es für die Unternehmen. Klumpenrisiko nennt sie das, und ich denke mir, wie viele Manager wohl nachts ähnlich grübeln. Für Orlopp geht es nicht nur um Marktanteile, sondern auch um die Vielfalt in der deutschen Bankenlandschaft – und um die Freiheit ihrer Kundschaft. Sie befürchtet, dass bei einer Fusion viele Firmenkunden das Weite suchen würden, eben weil Abhängigkeit im Geschäftsleben keine Tugend ist.
Ein bemerkenswerter Seitenhieb geht nicht nur an Unicredit, sondern vor allem an Banken aus Drittstaaten, die schon auf dem Sprung Richtung Europa lauern. Europäische Wettbewerbsfähigkeit soll gestärkt werden, nicht verwässert. Als dann Unicredit-Chef Orcel Zweifel an Orlopps Führungsstärke äußert, kontert sie fast lakonisch: Jeder hat seinen Stil. Sie lasse lieber Ergebnisse für sich sprechen – Zahlen, Fakten, schnörkellos. Es hat fast etwas Spielerisches, wie sie die Angriffe abperlen lässt. Man spürt: Hier wird ein Machtspiel nicht nach den üblichen Regeln gespielt. Manch einem Investmentbanker dürfte das fast zu echt vorkommen.
Bettina Orlopp, aktuelle Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, lehnt eine Fusion mit der Unicredit entschieden ab. Sie betont, dass Größe keineswegs per se einen unternehmerischen Vorteil darstellt – vielmehr sieht sie das Risiko, dass Firmenkunden aus Furcht vor zu großer Abhängigkeit zur Konkurrenz abwandern würden. Angesichts der aktuellen Turbulenzen in der europäischen Bankenlandschaft warnt Orlopp davor, EU-Unternehmen in die Arme großer Banken außerhalb Europas zu treiben und plädiert für ein stabiles, wettbewerbsfähiges Bankensystem auf dem Kontinent. — In Recherchen am 10. Juni 2024 bestätigten verschiedene Medien, dass Fusionen im europäischen Bankensektor insgesamt als strategisch riskant gelten, insbesondere aufgrund regulatorischer Hürden, kultureller Unterschiede und Sorgen vor Arbeitsplatzabbau. Die Unsicherheit auf den Finanzmärkten wurde in den letzten Tagen durch die Europawahlen und Unsicherheiten bezüglich der Regulierung weiter verschärft. Orlopp steht mit ihrer vorsichtigen Linie keineswegs allein da – auch Experten bei der Deutschen Bank und dem Wirtschaftsministerium mahnen, dass Konsolidierungen nicht pauschal zum wirtschaftlichen Erfolg führen. Angesichts dieser Entwicklungen scheint Orlopps Haltung aktueller denn je.