Es zeichnet sich ein überraschend facettenreiches Bild ab: Die Bundesregierung steckt mitten in Überlegungen, wie künftig Lücken in der europäischen Raketenabwehr gefüllt werden können. Ein mögliches Szenario könnte sein, dass bereits ab 2028 Tomahawk-Raketen in Deutschland gebaut werden – inspiriert vom Modell einer Kooperation, wie sie MBDA (aus Bayern) und der US-Konzern RTX bereits für NATO-Flugkörper eingehen; aber das ist allenfalls eine der Optionen. Parallel richtet sich der Blick jetzt auch auf die Türkei: In Betracht gezogen werden sowohl die noch in der Entwicklung befindliche Yildirimhan-Interkontinentalrakete (angeblich 6.000 Kilometer Reichweite – nicht ganz ohne Ironie, dass Berlin ausgerechnet auf Ankara schaut, angesichts der bekannten politischen Spannungen mit Griechenland und Zypern). Auch Hyperschallraketen vom Typ Tayfun-Block-4 stehen zur Debatte. Früheste Auslieferung laut Insidern: ab 2028.
Finanziell könnte es knifflig werden, da das EU-Programm SAFE – immerhin bis zu 150 Milliarden Euro wert – wegen griechisch-zyprischer Einwände wohl kaum für einen Türkei-Deal genutzt werden kann. Alternativen gibt es: Deutschland könnte einen bilateralen Pakt mit der Türkei schließen oder eine kleinere Staatengruppe unter Berliner Führung schmieden – jeweils eine heikle Gratwanderung, auf der Deutschland wohl den größten Batzen zahlt. Noch gibt es keine finalen Zusagen, weder zu einem Produktions-Joint-Venture noch zu einem Raketenkauf in der Türkei. Allerdings könnte schon beim NATO-Gipfel in Ankara im Juli die Entscheidung fallen.
Hintergrund: Im Sommer 2024 hatten sechs europäische Staaten – darunter Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich – vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges eine Absichtserklärung unterschrieben, neue Waffensysteme mit Reichweiten jenseits der bisherigen Standards zu entwickeln. Ende 2024/Anfang 2025 bekräftigten London und Berlin ihren Willen zur Zusammenarbeit. Doch es gibt Zweifel: Wenn man in die Vergangenheit blickt (Stichwort FCAS-Flugzeuge), sieht man, wie schleppend und konfliktreich solche Rüstungsprojekte laufen können. Außenminister Wadephul betonte jedenfalls, dass die aktuelle Regierung alles daransetze, Deutschlands Verteidigung zu stärken – allerdings auch in ständigem Austausch mit den USA. Verteidigungsminister Pistorius gab im ZDF offen zu, dass die Chancen auf einen Kauf amerikanischer Tomahawks derzeit nicht besonders rosig aussehen.
Neben der Raketenfrage tut sich in der Verteidigungsarchitektur Deutschlands noch mehr: Diplomaten berichten, dass ein „maßgeblicher Teil“ der US-Soldaten – bisher zum großen Teil im Drehkreuz Ramstein in Rheinland-Pfalz untergebracht – Richtung Rumänien abgezogen werden könnte. Der dortige Stützpunkt Mihail Kogalniceanu nahe der ukrainischen Grenze soll der neue Hauptstandort der US Air Force in Europa werden, mit einer Ausbaustufe auf bis zu 10.000 amerikanische Soldaten. Diese Rochade macht laut Experten durchaus Sinn, weil sie näher an der Ostflanke der NATO liegt. Was mit den übrigen rund 5.000 abzuziehenden US-Soldaten passiert – Rückverlegung nach Amerika oder Verteilung in andere Regionen? Noch unklar. Die Gemengelage bleibt spannend – und die Frage, wie sich Europas Verteidigung vor dem Hintergrund wachsender weltpolitischer Unsicherheiten weiter entwickelt, scheint offener denn je.
Deutschland sucht nach Alternativen zu amerikanischen Tomahawk-Raketen, nachdem die USA keine neuen Systeme mehr in Deutschland stationieren wollen. Im Raum steht eine mögliche Zusammenarbeit mit der Türkei, deren Raketentechnologie aber politisch brisant ist, da EU-Gelder wegen Widerstand von Zypern und Griechenland kaum einsetzbar sind. Im Hintergrund entwickelt sich außerdem eine Verschiebung militärischer Schwerpunkte, denn zahlreiche US-Soldaten könnten bald von der deutschen Basis Ramstein nach Osteuropa und insbesondere nach Rumänien verlegt werden, um der russischen Bedrohung näher zu begegnen.
Weitere Recherchen (Stand: Juni 2024) zeigen: Die Debatte um europäische Raketenkapazitäten gewinnt auch vor dem NATO-Gipfel rasant an Fahrt, wobei Frankreich und Großbritannien verstärkt auf eigene Rüstungsprojekte setzen. Die Verlagerung von Truppenkapazitäten Richtung Ostflanke wird von Experten überwiegend als kluger strategischer Schritt bewertet – Rumänien baut seine Infrastruktur für NATO-Streitkräfte massiv aus. Unterdessen gibt es von einigen Seiten heftige Kritik an einer Annäherung Deutschlands an türkische Rüstungshersteller, da dies Abhängigkeiten mit sich bringen und Spannungen innerhalb der EU verschärfen könnte.