Eigentlich schien es zwischendurch so, als würde erneut das übliche Ritual aus Streiks, Schuldzuweisungen und Hinhaltetaktiken aufflammen – aber dann kam nun doch die Wendung. Am Freitagvormittag sollen die konkreten Einigungen öffentlich gemacht werden. Für Pendler, Bahn-Enthusiasten und natürlich alle, die ohnehin schon zu oft bangen müssen, was noch rollt – erstmal eine Verschnaufpause: Bis auf Weiteres gibt es keine Warnstreiks.
Dass der Dialog diesmal etwas anders verlaufen ist als sonst, hat vielleicht auch mit dem neuen GDL-Chef Mario Reiß zu tun, der gerade seine erste große Bewährungsprobe ablegte – kein leichter Start, wenn man bedenkt, dass sein Vorgänger Claus Weselsky durch kompromissloses Auftreten berüchtigt war. Die Tarifgespräche standen von Anfang an unter erheblichem Erwartungsdruck: Seit Januar wurde verhandelt, nachdem der alte Vertrag Ende Dezember ausgelaufen war. Klassische fünf Runden, klassisch schwierige Themen. Während der Friedenspflicht, die bis Februar galt, hielt die GDL die Füße still – auch wenn nicht klar war, wie lange das gutgehen würde.
Zum ersten, recht mageren Angebot der Bahn am 10. Februar gab es durchaus Hin- und Hergeschiebe: 3,8 Prozent mehr Gehalt in zwei Stufen, plus 2,2 Prozent durch Umstellungen im Tarifsystem – darin versteckt die von der GDL geforderte zusätzliche Entgeltstufe (letztlich ein Signal: Wir hören euch!). Dazu eine 400-Euro-Einmalzahlung. Klingt erstmal nicht übel, doch die wirklich kniffligen Brocken lagen wie immer an anderen Stellen. Die eine Seite wollte einen Vertrag über 30 Monate Laufzeit, die andere bloß 12. Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, gab es noch das Tarifeinheitsgesetz, das im Hintergrund für ordentlich Zündstoff sorgte: Ein Betrieb, aber nur ein Tarifvertrag der Mehrheitsgewerkschaft? Diese Frage wird wohl noch weiter für Diskussionen sorgen.
Die Einigung zwischen Bahn und GDL beendet eine traditionsgemäß sehr konfliktreiche Tarifrunde immerhin ohne Arbeitsniederlegungen, aber viele Detailfragen bleiben bis zur Veröffentlichung der eigentlichen Vereinbarung offen. Besonders spannend wird, wie mit dem Tarifeinheitsgesetz künftig umgegangen wird – hier könnte weiterer Zündstoff schlummern, wenn andere Gewerkschaften sich benachteiligt fühlen. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Lage, wie brüchig der soziale Frieden bei der Bahn bleibt, auch wenn viele Fahrgäste erst einmal aufatmen können.
Im aktuellen Bezug berichten verschiedene Medien unter anderem, dass die Einigung zwischen Bahn und GDL als Hoffnungssignal für andere Branchen gesehen wird, bei denen demnächst ebenfalls Tarifverhandlungen anstehen. Zudem weist die Süddeutsche Zeitung darauf hin, dass nach wie vor Streit über die Auslegung des Tarifeinheitsgesetzes besteht – einige andere Gewerkschaften sind mit den Regelungen unzufrieden. Ein weiteres zentrales Thema ist die anhaltende Unzufriedenheit bei Beschäftigten der Deutschen Bahn, was mit Blick auf zukünftige Verhandlungen nie ganz ausgeräumt scheint.