Sieben Jahrzehnte nach den ersten Schritten zur Wiederaufrüstung sitzen die Spuren des Anfangs noch tief: Als Bundeskanzler Adenauer im Januar 1956 Truppen in Andernach besuchte, markierte das einen wackligen Neubeginn inmitten eines Landes, das sich selbst noch an die Radikalität des erzwungenen Pazifismus nach dem Zweiten Weltkrieg gewöhnte. Mischa Bose nimmt den mühsamen Aufbauprozess unter die Lupe, der kaum glamourös startete: Die Bundeswehr entstand hastig im Schatten des drohenden Ost-West-Konflikts – Material und Menschen rar, Zweifel omnipräsent. Überhaupt war das Personal ein Wechselbad: Der Grenzschutz war kaum gegründet, da liefen bereits zahlreiche Beamte dem jungen Heer zu. Klaus Storkmann erklärt, warum die Grenze zwischen Polizei und Militär damals mehr Graubereich als Trennlinie war.
Sprung in die Gegenwart – oder eigentlich Vergangenheit, je nachdem wie man es betrachtet: Die Rolle sogenannter Ortskräfte, jener lokalen Helfer und Kontaktpersonen, ohne die deutsche Auslandseinsätze kaum funktioniert hätten, war bereits in Kambodscha und Somalia entscheidend. Torsten Konopka und Emma Bessi beleuchten dabei, dass die Probleme nicht erst im Afghanistan-Drama auftauchten, sondern ein strukturelles Echo in der Bundeswehrgeschichte sind. Die Herausforderung? Vertrauen, Übersetzung, Schutz, Loyalität. Es gab und gibt nie einfache Antworten.
Weiter weg und doch im Zentrum militärischer Interessen: Diego Garcia, auf den ersten Blick ein schnödes Eiland mitten im Indischen Ozean. Doch Gerhard Altmann schenkt dem Ort Aufmerksamkeit, weil sich hier Kolonialgeschichte, geopolitische Strategien und die Nachwehen des Kalten Krieges auf engstem Raum ballen. Mal britisch, mal US-amerikanisch genutzt, immer strittig und selten fern internationaler Schlagzeilen.
Mit Verve wird auch das kontroverse Thema „Frauen an der Waffe“ beleuchtet. Deutschland debattiert (teils seltsam zäh), ob Wehrpflicht für beide Geschlechter gelten sollte – aktuell hebelt das Grundgesetz Frauen noch aus. Dabei begleitet die Frage Frauen und Krieg seit Jahrtausenden. Nils Birk steuert dazu eine kritische Bestandsaufnahme bei.
Und schließlich, wie ein schwerer Schatten, die Schlacht um Verdun – einschneidende 110 Jahre her. Christian Stachelbeck fasst zusammen, was hexenschüsselartige Materialschlachten und der Wahnsinn der „Knochenmühle“ im strategischen Denken auslösten – und welches unfassbare Leid darin konserviert bleibt. Manchmal, beim Lesen von Zahlen und Namen, spürt man das Echo in der eigenen Brust.
Die neue Ausgabe der Zeitschrift 'Militärgeschichte' reist durch die Umbrüche und Leerstellen der deutschen wie internationalen Militärgeschichte: vom steinigen Aufbau der Bundeswehr und der engen Verzahnung mit dem damaligen Bundesgrenzschutz bis hin zu den Erfahrungen und Problemen von Ortskräften bei den ersten Auslandseinsätzen in Kambodscha und Somalia. Auch aktuelle Diskussionen wie die Wehrpflicht und ihre Ausdehnung auf Frauen, strategische Stützpunkte wie Diego Garcia und deren koloniale Vergangenheit sowie das fortdauernde Gedenken an Verdun finden Raum. Trotz thematischer Vielfalt zeigt das Heft, dass Geschichte selten eindeutig ist und dass politische, gesellschaftliche wie menschliche Konflikte sich quer durch alle Epochen und Strukturen ziehen.
Zusätzlich: Laut aktueller Berichterstattung hat sich das ZMSBw (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) in mehreren Interviews und Debattenbeiträgen für eine verstärkte Aufarbeitung der Nachwende-Einsätze und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen ausgesprochen. Die Frage der Versorgung und Anerkennung von Ortskräften, etwa aus Afghanistan, bleibt hochaktuell und wird auch im Bundestag diskutiert. Die Debatte über die Rolle der Frauen in den Streitkräften erhält durch den Ukraine-Krieg und eine mögliche allgemeine Dienstpflicht neuen Auftrieb (vgl. taz, ZEIT und FAZ, Stand Juni 2024).