Erschreckende Zahlen: Junge Menschen häufig betroffen von digitaler und sexualisierter Gewalt

Köln – Neue Daten des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigen: Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland erleben sexualisierte Grenzverletzungen, viele davon online. Die aktuelle Auswertung der Langzeitstudie Jugendsexualität legt offen, wie weit verbreitet digitale Belästigung und Gewalt unter jungen Menschen tatsächlich ist.

heute 13:49 Uhr | 2 mal gelesen

Wer meint, sexuelle Grenzüberschreitungen seien ein Randphänomen im Alltag Heranwachsender, liegt leider gründlich daneben. Wie die jüngste Welle der Jugendsexualitätsstudie belegt, sind die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in Deutschland allgegenwärtig – und zwar besonders im digitalen Raum. Zwei von drei Befragten (insgesamt 64%, immerhin fast 6.000 junge Menschen) berichten davon, zumindest einmal Opfer von Übergriffen ohne Körperkontakt geworden zu sein: Das reicht vom Zusenden unerwünschter Bilder bis zu sexualisierten Beleidigungen. Fast ein Drittel (29%) hat sogar mindestens einmal körperliche sexuelle Gewalt erlebt. Auffällig ist: Frauen trifft es doppelt so oft wie Männer, was einerseits wenig überrascht, dabei aber kaum weniger erschütternd ist. Eine weitere, oft verdrängte Erkenntnis: Meistens gehen die Übergriffe nicht von Fremden, sondern von Gleichaltrigen aus. Das Präventionsparadox: Wer Jugendliche vor sexualisierter Gewalt schützen will, muss deren kompliziertes Miteinander ernst nehmen – und dabei auch erkennen, dass Opfer, Täterschaft und Zuschauende oft ineinanderfließen. Viele reden – glücklicherweise – mit Freundinnen oder Freunden über ihre Erfahrungen, seltener mit Eltern. Das Thema ist und bleibt also mitten unter uns und braucht neue, offene Wege, damit Jugendliche sichere Ansprechpartner*innen finden und sich wehren können. Neben den nackten Zahlen drängen sich Fragen auf: Wie kann Prävention wirksam sein, wenn Gewalt häufig von Gleichaltrigen ausgeht? Und: Was braucht es, damit das Reden über Übergriffe in Schule und Familie kein Tabu bleibt? Eine Garantie für kluge Antworten gibt es nicht – aber mit dem neuen gesetzlichen Auftrag will das BIÖG bundesweit gezielte Maßnahmen entwickeln, die an den Alltagswelten der Jugendlichen ansetzen. Mag sein, dass das nur ein Baustein ist. Gegen allzu viel Stillschweigen aber hilft er allemal.

Die Sonderauswertung der BIÖG-Studie zeigt, wie weitverbreitet sexualisierte Gewalt bei jungen Menschen hierzulande ist: Besonders digitale Formen wie Cybergrooming oder unerwünschtes Versenden intimer Fotos nehmen zu. Auffällig ist, dass die Täter oft aus dem näheren sozialen Umfeld der Betroffenen stammen, was die Bedeutung von Peer-Gewalt und sogenannten Bystandern unterstreicht. Der Handlungsbedarf wächst – nicht nur in punkto Prävention, sondern auch bei strukturellen Hilfsangeboten (wie das Hilfe-Telefon oder Fortbildungen für Fachkräfte). Neuere Berichte auf bundesweiteren Kanälen machen die steigenden Zahlen sexualisierter Gewalt im Netz zum Thema, zeigen aber auch, dass Schulen und Elternhäuser häufig mit Präventionsarbeit überfordert sind oder Verstöße nicht konsequent melden. Die aktuelle Studie beleuchtet ebenfalls, wie sehr sich Betroffene oft auf ihr privates Umfeld stützen, während professionelle Hilfemitglied meist nur zurückhaltend genutzt wird. BIÖG und bundesweite Initiativen setzen daher verstärkt auf niedrigschwellige, alltagstaugliche Aufklärungs- und Beratungsangebote, damit Jugendliche in gefährlichen Situationen nicht allein bleiben.

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