Wenn ich ehrlich bin, überrascht es mich jedes Jahr aufs Neue, wie viel politisches Drama der Eurovision Song Contest offenbar anziehen kann – dabei soll es doch eigentlich um Musik und Miteinander gehen. Als Noam Bettan auf die Bühne ging, war das Publikum alles andere als geschlossen euphorisch: Pfiffe, laute Rufe, einige brüllten sogar Parolen, die weit über die übliche Fan-Euphorie hinausgingen. Felix Klein, der mittlerweile schon öfter in solchen Momenten das Wort ergriff, zeigte sich enttäuscht und verlangte, dass das Publikum sich wieder mehr auf den eigentlichen Geist der Veranstaltung besinnt: Musik, Vielfalt, unbeschwerte Show. Was mich daran beschäftigt: Inwieweit ist es überhaupt möglich, bei so viel realer Weltpolitik im Hintergrund den ESC „unpolitisch“ zu halten? Klein pocht jedoch darauf – und ja, ich kann ihn verstehen –, dass ein Künstler nicht für die Politik seines Heimatlandes haftbar gemacht werden sollte. Interessanterweise verhebt sich der ESC damit immer wieder an seinem eigenen Anspruch. Übrigens, es ist auch keine neue Erscheinung: Der Wettbewerb wurde schon mehrfach zum Schauplatz politischer Proteste. Die Frage ist nur, wie man als Gemeinschaft darauf reagiert, damit das Ganze nicht endgültig zur politischen Bühne verkommt.
Der Bundesbeauftragte für Antisemitismus, Felix Klein, hat sich scharf gegen die Störungen beim ESC-Auftritt des israelischen Sängers Noam Bettan ausgesprochen. Er betonte, das Event solle von Musik und Unterhaltung geprägt sein und forderte breite Unterstützung gegen die Instrumentalisierung dieser Veranstaltung durch politische Aktivisten. Hintergrund ist, dass Bettan im ersten Halbfinale in Wien während seines Auftritts mit Pfiffen und pro-palästinensischen Rufen konfrontiert wurde. – Ergänzend ist zu bemerken, dass die Debatte um politische Einflussnahme auf ESC-Auftritte spätestens seit den kontroversen Diskussionen um Israel beinahe zur jährlichen Routine geworden ist. Besonders im Kontext des Nahostkonflikts entlädt sich regelmäßig Frust und Protest auf europäischer Bühne, was nicht nur den ESC betrifft, sondern sich auch in den sozialen Medien widerspiegelt. Laut Medienberichten führen diese Protestformen zu einer Debatte darüber, wie weit politische Statements im Rahmen internationaler Kulturwettbewerbe gehen dürfen, ohne das eigentliche Ziel – musikalische Völkerverständigung – auszuhebeln.