Europäische Toleranzgespräche 2026: Zwischen Aufbruch und Widerstand

Fresach/Klagenfurt – Europa taumelt zwischen autoritären Tendenzen und der Suche nach demokratischem Gleichgewicht. Die Toleranzgespräche vom 17. bis 24. Mai 2026 im Kärntner Fresach laden dazu ein, Wege aus Krisenspiralen zu diskutieren: Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wälzen Handlungsmöglichkeiten gegen Allmachtsfantasien und Klimaverzweiflung.

heute 16:03 Uhr | 4 mal gelesen

Am Donnerstag kam in Klagenfurt, vielleicht ein wenig abseits des großen Welttrubels, das Programm der Europäischen Toleranzgespräche ans Licht. Gleich vorneweg: Historiker und Wortkünstler Doron Rabinovici eröffnet, flankiert unter anderem vom scharfsinnigen Dimitré Dinev, ARD-Koryphäe Susanne Glass, der engagierten Politologin Melani Barlai und Thomas Peyker, Botschafter der EU. Karten für eine gesamte Woche Debatte, Austausch, manchmal wohl auch Streit – das alles gibt’s zum gewohnten Preis.

Perspektivenwechsel im Krisenstrudel

Hannes Swoboda, Kuratoriumspräsident und selbst nicht frei von Zweifeln, zeigte sich bei der Präsentation fest entschlossen: Unsere Kriege, unsere Konflikte – einen Weg heraus gibt es nur, wenn Widerstand nicht blind wird, sondern verstehenden Dialog versucht. Der Balanceakt: Haltung zeigen, aber eben auch nicht die Grenze zur Menschenverachtung überschreiten. Zugegeben: Leichter gesagt als getan.

Was hingegen Landesrat Daniel Fellner unterstrich, klingt wie der Merksatz einer Schulklasse: Reden, zuhören, Verständnis wagen – mitunter die einzige Chance, Gemeinsames zu schaffen und Grabenkämpfe zu entschärfen. Gleich klang Andrea Mattiolis Mahnung nach: Studien- und Lebenswelten bewusst aus verschiedenen Perspektiven betrachten, bevor es spillt – zur Deeskalation als Prävention.

Gerda Sandriesser von der Stadt Villach erinnerte daran, dass es nicht nur Recht, sondern Verantwortung ist, gegen Verwerfungen einzustehen – Geschichte kennt leider tausendfach bittere Beispiele. Diakonie-Rektorin Astrid Körner, spürbar nachdenklich, wies auf all die Menschen, die keinen eigenen Widerstand leisten könnten, hin – auch sie brauchen das Mittragen der Gemeinschaft. Demokratie bedeutet: Nicht nur verwalten, sondern hinschauen, einschließen, Chancen ermöglichen.

Wie weit – und wie tief – darf Widerstand?

Das Leitthema der Gespräche, "Widerstand und Verantwortung", ist so alt wie der Widerspruch selbst. 40 Experten aus unterschiedlichsten Bereichen wollen beantworten, wann und wie Aufbegehren nötig wird – und wo die rote Linie verläuft. In Demokratien gehören Protest und Gegenrede dazu, aber was tun, wenn diese Demokratie selbst in Bedrängnis gerät? Dann, so der Konsens, ist Duckmäusern keine Option.

Widerstand, sagen viele, erlebt derzeit ein Revival, das wohl auch an den wieder aufflammenden Krisen liegt. Die Literatur der Kriegsgeneration wird wieder hervorgekramt – als Anleitung, Inspiration oder nur als mahnende Erinnerung? Die Antwort könnte in Fresach und Villach zwischen den Zeilen abgelesen werden.

Ein Wochenende voller Aufbruch

Gestartet wird die Woche durch ein Erinnerungs-Konzert zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann, die das Aufbegehren sogar in dichterische Bahnen lenken konnte. Das Toleranzforum in Villach (am 20. Mai, Paracelsus-Saal) verspricht Austausch zwischen Schülern und bekannten Autoren; das Europaforum in Fresach tags darauf nimmt sich Themen wie Revolution, Widerstand oder auch so etwas wie "Feindesliebe" vor. Das Wirtschaftsforum widmet sich den Monopolstellungen von BigTech, digitaler Überregulierung und umstrittenen Fragen rund um Naturrechte.

Die Sonderausstellung im Evangelischen Museum Fresach greift das große Motto "Widerstand & Verantwortung" gleichermaßen geschlossen wie offen auf. Hinter den Kulissen stemmen Stadt, Land, Kirche und Ministerien das Ganze – ein gutes Beispiel dafür, wie Zivilcourage und Institutionelles Hand-in-Hand gehen können.

Seit 2015 bieten die Europäischen Toleranzgespräche im alt-ehrwürdigen Rahmen von Fresach zur Pfingstzeit den Raum für lange, oft auch unbequeme Debatten – offen gestreamt via Website, YouTube und Facebook für alle, die mehr wissen oder nur mithören wollen. Wer den Austausch sucht, findet Ansprechpartner und Tickets ganz einfach auf fresach.org.

Die Europäischen Toleranzgespräche 2026 dienen auch dieses Jahr als Bühne für Debatten, die aktueller kaum sein könnten: Europas Demokratien stehen unter Druck, extreme Tendenzen gewinnen in Ost wie West an Fahrt. Das Panel aus Wissenschaft, Kultur und Politik sucht neue Ansätze für zivilen Widerstand und verantwortungsvolles Handeln, gerade mit Blick auf Energie- und Klimathemen sowie soziale Spaltungen. Im Zentrum steht die Frage: Wie bleibt Europa handlungsfähig und tolerant? Letzte Recherchen zeigen, dass insbesondere die Herausforderungen durch Rechtsruck und zunehmende soziale Unsicherheit gerade wieder brandaktuell diskutiert werden, etwa nach den Europawahlen 2024, bei denen viele Parteien am rechten Rand deutliche Zugewinne verzeichnen konnten (taz, DW). Zudem werden Kündigungen von Bürgerrechten im Namen von ‚Sicherheit‘ und Reaktionen der Zivilgesellschaft gerade hitzig verhandelt (FAZ, ZEIT), während zugleich Debatten rund um digitale Machtmonopole, Regulierung und grüne Transformationen an Fahrt aufnehmen (t3n, Süddeutsche). Die Toleranzgespräche greifen damit einen Nerv der Zeit auf und verbinden die Reflexion auf historische Widerstandsfiguren mit aktuellen Herausforderungen des politischen Alltags in Europa.

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