IEA sieht Diesel- und Kerosin-Knappheit auf Europa zukommen – Tempolimit empfohlen

Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur, äußert sich besorgt über potenzielle Engpässe bei Diesel und Kerosin in Europa – und plädiert klar für ein Tempolimit.

heute 11:59 Uhr | 2 mal gelesen

Es klingt fast wie eine düstere Vorahnung: Nach Ansicht von Fatih Birol, dem Kopf der Internationalen Energieagentur, könnte Europa schon bald ernsthaft Probleme bekommen, was die Versorgung mit Diesel und Kerosin angeht. 'Nicht direkt morgen, aber die nächsten Wochen könnten kritisch werden', sagt Birol gegenüber dem 'Spiegel'. Vor dem Ausbruch des Irankrieges, so der Ökonom, habe Europa einen Großteil seiner Treibstoffe – also Diesel und Kerosin – aus Raffinerien im Nahen Osten bezogen. In letzter Zeit, meint er, hätten sich die Treibstofflager rapide geleert. Und wenn sich die weltweite Produktion nicht rasch erholt, steuere insbesondere der Mai auf brenzlige Situationen in einigen europäischen Ländern zu. Um welche Länder es sich handelt, ließ er offen. Angesichts der Preisexplosion an den Zapfsäulen und wachsender Unsicherheit setzt Birol auf das Tempolimit als kurzfristige Maßnahme. 'Ein Tempolimit auf Autobahnen wäre für Deutschland zumindest ein Schritt', meint Birol. Seiner Meinung nach würde das Reduzieren der Geschwindigkeit um zehn Stundenkilometer auf Autobahnen bereits den Ölverbrauch des ganzen Landes um bis zu sechs Prozent drücken. Darüber hinaus schlägt er vor, den öffentlichen Nahverkehr günstiger oder gratis zu machen, um mehr Menschen aus ihren Autos in Bus und Bahn zu locken. Das klingt vernünftig, ist aber politisch umstritten – wie ja eigentlich alles, was mit Geschwindigkeit auf deutschen Straßen zu tun hat. Birol sieht die Energiekrise, ausgelöst durch den Irankrieg und die damit verbundene Blockade der strategisch so wichtigen Straße von Hormus, noch lange nicht am Ende. Mehr als 80 Energieanlagen – Ölfelder, Terminals, Pipelines – wurden allein im Nahen Osten beschädigt. Sogar im allerbesten Fall, meint Birol, bräuchte die Öl- und Gasindustrie Jahre, bis sie wieder auf das Vorkriegsniveau kommt. Sollte die Waffenruhe jedoch scheitern und Iran den Zugang zur Straße von Hormus erneut dichtmachen, droht die Energiekrise sofort massiv zu eskalieren.

Die Warnung der IEA vor Engpässen bei Diesel und Kerosin ist nicht aus der Luft gegriffen: Tatsächlich meldet die Europäische Kommission vermehrt Störungen in den Versorgungswegen, besonders bei Importen aus dem Nahen Osten. Inzwischen reichen die Sorgen bis in die Wirtschaftskammern – Frachtdienstleister und Fluggesellschaften sprechen bereits von Preissprüngen und möglichen Einschränkungen im Betrieb. Auch Deutschlands Verkehrsministerium beschäftigt sich intensiv mit Gegenmaßnahmen: Tempolimit, Förderung von E-Mobilität und die Prüfung, wie Busse und Bahnen gestärkt werden können, stehen auf der Agenda. Neuere Berichte belegen, dass die Unsicherheit um die Straße von Hormus bereits erste Lieferpläne durcheinanderbringt. Parallel diskutieren Experten und Politik, ob ein konsequentes Tempolimit nicht endlich auch klimapolitische Nebeneffekte zeitigen könnte. Kurz: Es ist Bewegung in der Debatte – nur der endgültige Ausweg scheint noch nicht in Sicht.

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