Ach, manchmal frisst sich eine alte Frage durch den Alltag – Jahre, vielleicht Jahrzehnte, ohne ein wirkliches Echo. Erst mit dem Angebot des ‚Spiegel‘, die digitalisierten NSDAP-Mitgliedskarteien öffentlich durchsuchen zu können, wurde es für Renate Künast konkret: Den Namen des Vaters getippt, Geburtsdatum dazu – Treffer. Ihr Vater, Willy Künast, aufgenommen am 1. Mai 1933, ganz zu Beginn des Nazi-Regimes. Kein völliger Schock, aber doch eines dieser stillen Erdbeben, die nachhallen. Gewissheit stoße Nachdenken an, sagt Künast heute, die noch bis 2025 dem Bundestag angehörte. Nach dem Fund suchte sie weiter und fand auch den älteren Bruder des Vaters, wieder eine Spur in der NS-Vergangenheit. Im Gespräch, auch mit ihrem Mann und Freunden, bleibt das Thema präsent. Wie in etlichen Familien: Nach 1945 schwieg man – das große Verschweigen, das viele prägt.
Andere Politiker durchforsten ebenfalls die Datenbank. So etwa Karl Lauterbach, SPD, dem tatsächlich bestätigt wird: Seine Großeltern gehörten keiner NS-Partei an. Doch der Bruder seiner Großmutter war in der Kartei – Eintritt schon 1932, danach Polizei-Karriere trotz Entnazifizierung. Ramelow, Bundestagsvize, war schon vorher offen mit der Familiengeschichte umgegangen. Sein Großvater ein frühes Parteimitglied, seine Mutter im Bund Deutscher Mädel. Wichtig sei, sagt er, die neue Transparenz: Familiengeschichte bleibt persönlich und oft widersprüchlich. Es geht nicht um nachträgliche Verurteilung – sondern um Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft.
Ist das alles verwunderlich? Vielleicht eher aufrüttelnd – wie viele von uns tragen Fragen durch Generationen mit sich herum, die erst jetzt so einfach beantwortbar sind?
Die digitale Öffnung der NSDAP-Mitgliederlisten bringt zahlreiche, teils schmerzhafte Wahrheiten ans Tageslicht. Politiker wie Renate Künast, aber auch Karl Lauterbach und Bodo Ramelow, mussten feststellen, dass die Vergangenheit der eigenen Familie oft komplexer und näher ist, als lange gedacht. Der Schritt zur Transparenz stößt viele Debatten über Schuld, Schweigen und Erinnern an und bleibt angesichts der deutschen Geschichte – auch fast 80 Jahre danach – gesellschaftlich bedeutsam. Mehrere aktuelle Medienberichte greifen die Veröffentlichung und die individuellen Erfahrungen auf, gerade was den Umgang mit kollektiver wie persönlicher Verantwortung betrifft.