Es ist schon verblüffend: Tausende Zugvögel legen gemeinsam riesige Distanzen zurück, ebenso wie Fischschwärme oder sogar Säugetierherden – dabei kracht fast nie jemand irgendwo rein. Möglich machen das kleine, unscheinbare Regeln, die erst gemeinsam sichtbar werden. Moderne Sensortechnik macht die verborgenen Mechanismen endlich nachvollziehbar. Was auf den ersten Blick nach animalischem Chaos aussieht, folgt einer ausgeklügelten Logik. Wissenschaftler:innen aus dem deutschsprachigen Raum schauen ganz genau hin: Wie läuft der Austausch von Informationen, wenn es gar keinen Chef gibt? Und: Können wir Menschen uns davon etwas abschauen, etwa für bessere Entscheidungsprozesse in Wirtschaft und Politik?
Das Forschungsteam um den Grazer Biologen Thomas Schmickl macht im sogenannten "Artificial Science Lab" keine halben Sachen. Hier wird gefilmt, getrackt, analysiert und experimentiert, was das Zeug hält, zum Beispiel mit einem Roboter, der sich getarnt unter Bienen mischt – im Rahmen des EU-Projekts "RoboRoyal". Es geht aber nicht nur um niedliche Roboterbienen: Besonders spannend ist, dass Schwarmprinzipien auf Maschinen, Logistik und sogar demokratische Beteiligung übertragen werden. Melanie Schranz, tätig an den Lakeside Labs in Klagenfurt, untersucht beispielsweise, wie kollektives Verhalten die Prozesse in einer High-Tech-Halbleiterfabrik effizienter und flexibler machen könnte. Am Ende steht die Erkenntnis: Die Schwarmlogik sorgt für bessere, robustere und überraschend kluge Gruppenentscheidungen. Und ehrlich gesagt – manchmal wäre weniger Chef im echten Leben auch ganz gut.
Wer mehr wissen will oder einen verschlungenen Gedankengang sucht: Die Presseanlaufstelle für Nachfragen ist beim Zweiten Deutschen Fernsehen, 3sat-Pressestelle, zu erreichen. Mehr dazu findet sich auch online.
Die 3sat-Doku „Logik der Vielen – Das Prinzip Schwarm“ taucht ein in das faszinierende Zusammenspiel von Tiergruppen und zeigt, wie Schwarmverhalten nicht nur Bewegung, sondern auch Entscheidungen beeinflusst – und das ganz ohne Anführer. Was Forschungsgruppen in den Bereichen Biologie, Robotik und Informatik dabei entdecken, geht mittlerweile weit über die Naturbeobachtung hinaus: Sie entwickeln Ansätze, wie sich diese Prinzipien auf Industrie, demokratische Prozesse und technologische Innovationen ausweiten lassen. Inzwischen wollen auch viele Unternehmen und Politikexpert:innen von dieser „Intelligenz der Vielen“ profitieren, um flexibler, innovativer und widerstandsfähiger zu werden.
Aktuelle Berichterstattung in der taz berichtet davon, dass Schwärme in der Natur erstaunlich robuste Entscheidungsfindung ermöglichen und dass Forscher*innen zunehmend versuchen, diese Prinzipien auf menschliche Gruppen und digitale Systeme zu übertragen. Auf spiegel.de wird diskutiert, wie neue Algorithmen aus der Schwarmforschung bereits bei Verkehrslenkung, Lieferkettenoptimierung und sogar in der Gestaltung demokratischer Beteiligungsmodelle eingesetzt werden. Die FAZ widmet sich der Frage, inwiefern künstliche Schwarmintelligenz ein Vorbild für KI und Robotik generell sein kann, wobei gerade die Fehlertoleranz und Anpassungsfähigkeit der natürlichen Schwärme für die digitale Welt als absolut zentral gelten.