Die SAOT-Hersteller winken natürlich ab, wie sie es auch gegenüber dem "Spiegel" betonten: absolute Präzision, sagen sie, sei möglich. Bis vor Kurzem war dies auch die offizielle Linie auf der DFL-Webseite, aber nachdem der "Spiegel" nachhackte, ist der Passus von der "millimetergenauen Abseitsstellung" plötzlich leise verschwunden. Seit Beginn dieser Saison wird das System eingesetzt. Der Video Assistant Referee (VAR) verlässt sich auf das Zusammenspiel mit Kameras und KI, um knappe Abseitsstellungen zu erkennen – und prompt gibt es Entscheidungen, die am Fernseher wie aus der Laserphysik wirken, im Stadion aber kaum nachzuvollziehen sind.
Der Stein des Anstoßes war offenbar ein Bundesligaspiel Union Berlin gegen Bayern München im November: Ein Berliner Tor wurde aberkannt, weil eine kalibrierte Hightech-Linie einen Zeh im Abseits sah. Norbert Barz, Union-Fan und ehemaliger Akkreditierungsstellenleiter, wollte es wissen und holte zwei Experten aus dem Prüfwesen an Bord, Thomas Facklam und Michael Wolf. Ihr Fazit: So funktioniert gerechter Fußball nicht.
Hinter der öffentlichen Debatte um die halbautomatische Abseitserkennung in der Bundesliga steckt ein ernsthafter Konflikt zwischen Technikgläubigkeit und Fairness. Die Experten argumentieren, dass ein System, das in einem so sensiblen Kontext wie dem Profifußball eingesetzt wird, zumindest seine Unsicherheiten ehrlich ausweisen und einen klaren Toleranzbereich einräumen sollte – so, wie es in vielen anderen Branchen längst üblich ist. Medienberichten zufolge (siehe z.B. FAZ und Spiegel) steht die DFL besonders seit dem umstrittenen Union-Spiel unter Zugzwang. Der DFB verteidigt das SAOT-System weiterhin als Fortschritt, betont jedoch, dass auch in der Vergangenheit beim Videoassistenten schon um Zentimeter gefeilscht wurde. Auch internationale Ligen, etwa in Italien oder Spanien, setzen auf ähnliche Technologien – doch überall gibt es ähnliche Bedenken und Forderungen nach mehr Transparenz. Neuere Recherchen zeigen außerdem: Selbst die Hersteller der Systeme räumen mittlerweile intern mögliche Messfehler bis zu 14 Zentimeter ein, was die Forderungen der Experten noch einmal untermauert.