Postpartale Depressionen – na, wem dreht sich da nicht kurz der Magen um? Sie zählen tatsächlich zu den häufigsten psychischen Problemen nach einer Geburt, bis zu jede fünfte Frau ist betroffen. Der Verdacht, dass Übergewicht dabei keine ganz unwichtige Rolle spielt, wird inzwischen von aktuellen Untersuchungen bekräftigt: Adipositas, also extremes Übergewicht, ist weltweit auf dem Vormarsch. Die WHO spricht davon, dass über ein Drittel der Frauen im gebärfähigen Alter übergewichtig, und etwa jede Siebte sogar adipös ist.
Das klingt nach einer Zahl in einem Lehrbuch, ist aber Realität im Kreißsaal – und hat Folgen. Verena Schwarz hat im Rahmen ihres Bachelor-Abschlusses am Hebammenstudiengang in Burgenland genau hingeschaut:
Was macht Übergewicht mit der weiblichen Psyche vor, während und nach der Geburt?
Blickwechsel: Hebammen im Fokus
Verena Schwarz, heute Hebamme in Oberwart, hat neben Literaturrecherchen auch mit Fachleuten gesprochen. Sie legt Wert auf die einfache, irgendwie menschliche Erkenntnis: Es geht nicht nur um Kilos, Zuckerwerte oder Blutdruck. „Wir müssen auch auf die seelische Belastung achten“, meint sie. Und tatsächlich, die emotionalen Nebenwirkungen sind nicht zu unterschätzen: Stigmatisierung, Schamgefühle wegen des Körpers, Bewegungsmangel, selbst gesellschaftliche Ausgrenzung – alles zusammen erhöht das Risiko für Depressionen nach der Geburt.
Interessant ist die Erkenntnis, dass weniger das Gewicht selbst, sondern schlechte Erfahrungen im Gesundheitssystem, fehlende Unterstützung oder soziale Isolation entscheidend sind. Und wer fängt es auf, wenn die Alarmglocken läuten? Oft nur die Hebamme.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick:
- Übergewicht während der Schwangerschaft ist mehr als eine medizinische Diagnose; es betrifft biologische, psychische und gesellschaftliche Ebenen gleichermaßen.
- Adipöse Schwangere haben laut Studien eine größere Wahrscheinlichkeit für postpartale Depressionen. Gründe reichen von körperlichen Entzündungsprozessen bis hin zu Stress durch Ausgrenzung oder ein vermindertes Selbstwertgefühl.
- Es sind seltener die Kilos, sondern vor allem äußere Einflüsse und unsensible Behandlung im System, die die psychischen Herausforderungen verstärken.
- Screenings auf seelische Not, ausreichende Zeit mit den Müttern und fallübergreifende Zusammenarbeit fehlen oft – die Verantwortung lastet damit viel zu sehr auf den Schultern der Hebammen.
- Es braucht eine respektvolle, ressourcenorientierte Betreuung und bessere Netzwerke zwischen den Disziplinen. Psychische Gesundheit muss als Pflichtaufgabe in die Betreuung aufgenommen werden.
Studiengangsleiterin Beate Kayer unterstreicht: Psychische Stabilität ist ebenso wichtig wie der Glukosewert oder der Blutdruck. „Unsere Ausbildung in Burgenland legt Wert darauf, Gesprächsführung, wertfreie Begleitung und die Zusammenarbeit zwischen Berufen zu lehren. Absolventinnen sollen Frauen in jeder Hinsicht zuverlässig auffangen können – wissenschaftlich fundiert, praxisnah und mit Empathie.“
Kurz zum Studium: Wer sich berufen fühlt, Frauen und Familien in Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und der Zeit danach zur Seite zu stehen – und das alles auf wissenschaftlichem Niveau – findet im sechssemestrigen Vollzeit-Bachelor „Hebammen“ (BSc) in Pinkafeld den passenden Einstieg. Theorie und Praxis stehen gleichberechtigt nebeneinander; Abgeschlossene kommen mit jeder Menge Wissen und Verantwortung ins Berufsleben. 15 Plätze, Deutsch als Unterrichtssprache, keine Gebühren.
Infos online: www.hochschule-burgenland.at
Übergewicht in der Schwangerschaft spielt eine größere Rolle bei der Entstehung postpartaler Depressionen, als bisher angenommen. Die psychischen Belastungen entstehen weniger durch die reinen Kilos, sondern vor allem durch gesellschaftlichen Druck, Stigmatisierung und strukturelle Schwächen im Versorgungsnetz. Studien unterstreichen, wie wichtig es ist, die psychische Gesundheit schwangerer Frauen als festen Bestandteil der Betreuung zu etablieren und Hebammen sowie das Fachpersonal interdisziplinär zu schulen. Zudem zeigen neuere Veröffentlichungen, dass Adipositas in Schwangerschaft mit weiteren Gesundheitsrisiken für Mutter und Kind, zum Beispiel Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie und Frühgeburten, verbunden ist und dass eine frühe, empathische psychosoziale Unterstützung das Risiko für psychische Erkrankungen vermindert (u.a. laut Süddeutscher Zeitung und Zeit Online). Eine aktuelle Studie im Deutschen Ärzteblatt berichtet außerdem, dass die Corona-Pandemie das Risiko für psychische Belastung und Gewichtszunahme bei werdenden Müttern weiter erhöht hat, sodass gezielte Interventionen dringlicher denn je erscheinen. Generell wird gefordert, Anlaufstellen für psychische Beschwerden niedrigschwellig und ohne Stigmatisierungsgefahr zu gestalten.