Nicht nur moderne Aufklärungssysteme und Zielerfassung, sondern auch komplexe Verteidigungstechnologien wie eine integrierte europäische Luftabwehr oder der Einsatz strategischer Lufttransporte fehlen bislang. Investitionen und Ausbaupläne, berichtet Puglierin, benötigen mindestens fünf Jahre – alles rund um Satelliten, Datenerfassung, Überwachung, wohl noch länger. Sie betont überraschend nüchtern: "Wir müssen uns mittelfristig allein verteidigen können." Alternativ würde Europa – drastisch gesagt – auf einen Wachhund angewiesen sein und dadurch an Souveränität verlieren.
Das sicherheitspolitische Modell der letzten Jahrzehnte, nämlich ein starker Zusammenhalt unter NATO-Partnern mit klarer US-Führung, scheint spätestens unter Trump erledigt, und ein Comeback ist kaum zu erwarten. Daraus leitet sich laut Puglierin ein echtes Problem ab: Die Glaubwürdigkeit der bisherigen Abschreckung sei ins Wanken geraten – Vorfälle wie die Grönland-Krise, bei der Trump die NATO-Beistandsklausel offen in Frage stellte, hätten das befeuert.
Am schwierigsten sei aber, wie auf die mögliche Erosion des US-Atomschutzschirms reagiert werden sollte. Eine eigene „EU-Atombombe“? Für Puglierin keine realistische Option: zu viele Hürden. Stattdessen müsse ein pragmatischer Umgang mit Frankreich und Großbritannien gefunden werden, um deren nukleare Fähigkeiten stärker in den gesamteuropäischen Verteidigungsapparat einzubringen. Die Debatte ist eröffnet, und sie wird wahrscheinlich noch lange weitergehen.
Puglierins Analyse trifft offenbar einen Nerv, denn erst kürzlich befassten sich zahlreiche Expertinnen und Experten mit genau dieser Frage: Wie unabhängig könnte Europa im Falle eines US-Rückzugs tatsächlich agieren? Der Zeitplan bleibt – vorsichtig formuliert – ernüchternd. In mehreren Berichten wurde zudem deutlich, dass Europa nicht nur materielle Lücken hat, sondern auch an politischem Willen und einheitlichen Strategien mangelt. Vor allem Satellitenkapazitäten, Aufklärung und Raketenabwehr gelten als neuralgische Punkte. Diskutiert werden außerdem neue deutsch-französische Allianzen und mögliche Umverteilungen innerhalb der europäischen Rüstungsprojekte. Laut DW gibt es intensive diplomatische Anstrengungen für mehr europäische Eigenverantwortung – allerdings zieht sich das Ringen um einheitliche Entscheidungen quer durch die EU-Staaten. Die taz berichtet, dass angesichts der aktuellen geopolitischen Spannungen die Diskussion um eine „europäische Abschreckungsfähigkeit“ wieder brisant ist und auf deutscher Seite mit Unbehagen, aber auch zunehmender Entschlossenheit verfolgt wird.