Nahaufnahme: Mit Roman Signer unterwegs – Zwischen Kunst und Geschwindigkeit

Eigentlich beginnt die Geschichte fast beiläufig: 2002 beschließt Roman Signer, seiner Faszination für das Merkwürdige eine neue Bühne zu geben. Mit einer knatternden Ape, irgendwo im Nirgendwo, auf einer alten Skisprungschanze – und alles, was unterwegs geschieht, wird zur stillen Poesie. Die Doku „Roman Signer – Die ideale Reisegeschwindigkeit“ von Aufdi Aufdermauer ist ab 16. Mai 2026 in der 3satMediathek und am 23. Mai um 21.55 Uhr bei 3sat zu sehen.

heute 12:00 Uhr | 4 mal gelesen

Was passiert, wenn drei Fahrzeuge, acht Menschen und kein klares Drehbuch auf Reisen gehen? Das denkt man sich vermutlich, wenn man sich die Entstehungsgeschichte dieser Dokumentation ansieht. Die Leute, die mit Signer quer durch Europa tingeln, treffen unterwegs auf Fremde, sammeln kuriose Begegnungen und tauchen dabei immer wieder kopfüber in den Kosmos scheinbar belangloser, doch auf eigentümliche Weise berührender Kunstmomente ein. Signers sogenannte „kleine Ereignisse“ – irgendwo zwischen Slapstick, Poesie und philosophischem Augenzwinkern – ziehen sich wie roter Faden durch die Etappen. Das Ziel: eine Ausstellung, ein kleiner Segen auf einer polnischen Schanze, und natürlich das ikonisch-schlaffe Ape-Mobil, das mal mühelos, mal mühsam durchs Bild tuckert. Aber auch hier spielt das Leben mit – die Filmaufnahmen geraten in Vergessenheit, schlummern jahrelang, und erst zu Signers 80. Geburtstag holen sich Erfindergeist und Ruhe erneut die Bühne. Die Reise, geprägt von Werken wie „Zwei Koffer“ oder „Don't cross the line“, erzählt leise, aber unübersehbar davon, wie das Alltägliche in Unerwartetes zerfällt, sobald man ihm einen zweiten Blick schenkt. Im Prinzip ist der Film weniger eine lineare Biografie als eine Hommage an das Weggehen, das Ankommen – und das Dazwischen.

Die Doku um Roman Signer nimmt den Zuschauer mit auf eine kauzige Expedition quer durch Europa, zieht Grenzlinien zwischen Reisedoku und Kunstreflexion, und lässt viel Freiraum für Interpretation – oder, ehrlicher gesagt, auch für leichte Verwirrung. Die künstlerische Methode, das Spontane willkommen zu heißen und das scheinbar Banale zur Bühne zu machen, prägt nicht nur Signers Werk, sondern auch die Ästhetik der Dokumentation: da wird nichts aufgebauscht, nichts überinszeniert. Gleichzeitig wirkt der Film nach, weil er sich einer eindeutigen Deutung entzieht und den Blick für die feinen, unbemerkten Irritationen des Alltags schärft. (Weitere Recherche/Updates): Roman Signer gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Prozesskunst und ist insbesondere für seine „Zeitskulpturen“ bekannt, die häufig mithilfe von physikalischen Experimenten und Alltagsobjekten entstehen. Sein Werk wurde im Juni 2024 zuletzt im Kunstmuseum St. Gallen gezeigt, wo neue Installationen das Moment des Zufalls in den Mittelpunkt rückten. Diskussionen über die Herausforderung, Kunst in einer zunehmend digitalisierten, schnellen Welt mit Stille und Zögerlichkeit zu gestalten, wurden jüngst im Feuilleton der Süddeutschen und bei den Krautreportern aufgegriffen: Hier wird Signer häufiger als „Chronist des Unvollendeten“ zitiert – eine Zuschreibung, die zum dokumentarischen Stil der 3sat-Produktion hervorragend passt.

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