Psychische Gewalt sichtbar machen: Der Escape Room "Fall Lena" als jugendnahes Präventionsprojekt

Rotenburg (Wümme) – Psychische Misshandlung bleibt meist verborgen, schleicht sich leise in den Alltag und wird oft erst viel zu spät erkannt. Besonders Jugendliche können emotionale Manipulation und Grenzüberschreitungen schwer greifen oder benennen. Deshalb stößt traditionelle Präventionsarbeit regelmäßig an ihre Grenzen. Ein ungewöhnlicher Ansatz will das nun ändern.

heute 08:54 Uhr | 2 mal gelesen

Wie fühlt es sich an, wenn Nähe zum Gefängnis wird – ohne sichtbare Spuren, aber mit schwer greifbarem Unbehagen? Tim Heitmann hat etwas ausprobiert, das kaum nach klassischer Prävention klingt: Ein Escape Game, das Erinnerungen an harmlose Jugendabenteuer weckt, dabei aber auf stillen Terror aufmerksam machen will. Mit dem mobilen Escape Room „Der Fall Lena“ tauchen Gruppen junger Leute in eine scheinbar gewöhnliche Wohnung ein und puzzeln aus Alltagsgegenständen, Bildern und kleinen Nachrichten heraus, was mit Lena passiert ist. Nicht das Offensichtliche zählt, sondern das Dazwischen: Kontrolle, Manipulation, die Klassiker psychischer Gewalt, aber leise und ohne Bruch mit der Normalität. Die Jugendlichen treten in eine offene Geschichte ein, in der sie als Freundesgruppe Lenas Gewalterfahrung rekonstruieren – und selbst entscheiden, wie sie den Ausgang deuten. Zwei Enden, viele Fragen, vor allem aber mehr Zweifel als einfache Antworten. Eröffnet wurde das Projekt am 19. November im Rotenburger Kreishaus im Rahmen der internationalen Orange Days gegen Gewalt an Frauen, als kostenlos zugängliches Angebot für Schulen und Öffentlichkeit. Der Clou aber: Das Escape Game ist mobil konzipiert und kann nun über Business Escape Games direkt für Schulen gebucht werden, zu einem fairen Preis, damit möglichst viele Jugendliche erreicht werden. Anstelle von erhobenem Zeigefinger und Floskeln setzt das Spiel auf lebendige Interaktion – die Jugendlichen analysieren, hinterfragen und erleben selbst, wie schnell man Signale psychischer Gewalt übersehen kann. Es überrascht wenig – und doch tut es gut – zu sehen, dass am Ende keine Auflösung, sondern Raum für Gespräche bleibt. Im Idealfall begleitet von einer Sozialarbeiterin, die hilft, Unsicherheiten zu sortieren, Hilfeangebote erklärt und die Ambivalenz solcher Beziehungen nicht mit einfachen Erklärungen abtut. Gewaltschutz als realitätsnahes, emotionales Lernerlebnis – dieser Ansatz könnte in Prävention und Schule tatsächlich ein Impuls sein. Wer mehr über das Konzept erfahren will: Die Macher von BESCAPE tüfteln nicht zum ersten Mal an innovativen Games, sondern setzen seit Jahren mit Unternehmen wie Lufthansa oder Telekom auf den spielerischen Wissenstransfer. Kontakt und Infos unter https://bescape.de/.

Der innovative Escape Room "Fall Lena" bringt Jugendlichen die weniger offensichtlichen Formen psychischer Gewalt näher, indem er sie ins Zentrum einer erfahrbaren Geschichte rückt – und damit herkömmliche Präventionswege hinterfragt. Interaktive Räume ermöglichen es, in geschütztem Rahmen mit Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten und eigenen Reaktionen auf Gewalt umzugehen. Besonders während der Orange Days wurde das Projekt hervorgehoben; aktuelle Berichte etwa bei der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT zeigen, dass interaktive Methoden der Gewaltprävention gerade auch im schulischen Umfeld bundesweit verstärkt diskutiert werden. Hinzu kommt: WHO und deutsche Sozialverbände betonen in neuen Studien, dass Interventionen früh ansetzen müssen, da psychische Gewalt im Jugendalter laut Statistik deutlich zunimmt. Verschiedene Bundesländer erproben derzeit ähnliche mobile Formate, wie etwa digitale Rollenspiele oder Debattenworkshops. Entsprechend groß ist auch die Nachfrage nach Fortbildungen für Lehrkräfte in Methoden, die über reine Wissensvermittlung hinausgehen. Die kritische Debatte um „Schulische Aufklärung versus Sensationalisierung“ bleibt virulent, wie aktuelle Analysen zum Beispiel auf www.deutschland.de und in der Debatte um TikTok-Präventionskampagnen zeigen.

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