Der Kampf um Platz zwei bleibt spannend: Die konservative GERB unter Bojko Borissow und das reformorientierte Bündnis PP-DB liegen nahezu gleichauf, beide zwischen 13 und 14 Prozent – ein Fotofinish, das noch Bewegung verspricht. Radew meldete sich am Wahlabend klar: Offen für Gespräche über eine Koalition, aber nicht festgelegt – zur Not gehe er auch alleine voran, hieß es eher lakonisch. Bemerkenswert dabei: Der ehemalige Präsident, der erst Anfang des Jahres seinen Sessel im Amt aufgab, hatte sich zuletzt ausdrücklich an die Spitze der Antikorruptionsbewegung gestellt und versprach kompromisslos mit den alten Strukturen zu brechen. Bulgarien ist leidgeprüft, was Regierungsstabilität angeht – seit 2021 bringt keine Koalition mehr als zwölf Monate auf die Uhr. Mancher sieht in Radew einen Hoffnungsträger, andere kritisieren seine pro-russische Schlagseite. Mit Forderungen nach engeren Beziehungen zu Moskau, Kritik an Waffenlieferungen für die Ukraine und Ablehnung des neuen Verteidigungspakts mit Kiew lässt er ohnehin keinen Zweifel an seinem Standpunkt.
Radews Partei hat bei der Parlamentswahl in Bulgarien deutlich geführt und könnte somit das politische Ruder übernehmen. Während noch völlig offen bleibt, wie sich die anderen politischen Kräfte sortieren, stellt Radew sowohl eine breitere Zusammenarbeit als auch eine Regierung im Alleingang in Aussicht. Hintergrund: Bulgarien erlebte in den letzten Jahren ein politisches Auf-und-ab; die Fragmentierung in den Parlamenten führte zu wiederholten Wahlen und instabilen Kabinetten. Zusätzlich zum bereits erwähnten pro-russischen Kurs Radews steht das kleine Land am Balkan vor der Herausforderung, zwischen EU-Orientierung und traditionellen Bindungen zu navigieren. Nach neuesten Stimmen in bulgarischen Medien droht dem Land erneut eine Phase der Unsicherheit, zumal auch ökonomische Zweifel und die spürbare Unzufriedenheit in der Bevölkerung über den ungelösten Reformstau wachsen.