Zum Stichtag 18:30 Uhr hatten laut nationalem Wahlbüro 77,8 Prozent der Wahlberechtigten ihren wahlberechtigten Gang gemacht – das sind rund 4 Prozent mehr als 2022 um diese Zeit, was durchaus bemerkenswert ist. Die Spannung bleibt dennoch bis zur Auszählung: In Ungarn gibt es am Wahlabend keine klassischen Exit-Polls, sodass die Trendmeldungen aus Umfragen erst nach und nach veröffentlicht werden. Besonders die heutige Erhebung des 21 Research Centers für das Portal Telex erregte Aufsehen: Laut ihren Zahlen könnte Tisza unter Péter Magyar direkt die Regierungsmehrheit erringen – mit satten 132 von 199 Sitzen, obwohl sie bisher gar nicht im Parlament saßen. Die Partei Fidesz, mit Viktor Orbán an der Spitze, müsste einen herben Dämpfer hinnehmen und wäre nunmehr – im Bündnis mit KDNP – mit nur 61 Mandaten vertreten. Der Rest des Parlaments bestünde aus Mi Hazánk (5 Sitze) und einem einzigen Vertreter für die nationale Minderheit. Für die noch regierenden Sozialdemokraten und die Demokratikus Koalition wird die Luft nun offenbar dünner – sie könnten sogar ganz rausfliegen. Bei einer anderen Befragung, durchgeführt von Median, schneidet Tisza mit gut 55 Prozent deutlich vorn ab, Fidesz liegt dahinter bei knapp 38 Prozent. Wer in der Nationalversammlung tatsächlich das Sagen haben wird, entscheidet sich mutmaßlich aber erst Stunden später. Das liegt auch an Ungarns ziemlich eigentümlichem Wahlsystem: 106 der Mandate werden per Direktmandat vergeben, der Rest anhand von Listen und Überhangstimmen vertrackt verteilt – da dauert die Auszählung gern mal etwas. Hinzu kommt, dass zuletzt zahlreiche Wahlrechtsänderungen für Diskussionen sorgten, etwa der Wegfall einer tatsächlichen Wohnsitzpflicht (kritisiert als "Wahltourismus"), eine neue Gewichtung zugunsten des Umlands von Budapest sowie keine Obergrenze mehr für die Wahlkampfausgaben.
Die Parlamentswahl in Ungarn 2024 verzeichnet eine auffallend hohe Wahlbeteiligung – womöglich den höchsten Wert seit Jahrzehnten. Umfragen deuten auf einen bemerkenswerten Durchbruch der bis dato nicht im Parlament vertretenen Tisza-Partei hin, die der Orbán-Partei Fidesz erhebliche Verluste zufügen könnte. Das komplexe Wahlsystem, das erst 2011 und danach mehrfach verändert wurde, erschwert klare Prognosen; viele der jüngsten Wahlrechtsänderungen, wie etwa die Begünstigung von Wahlkreisverschiebungen zugunsten ländlicher Regionen und die Abschaffung des Kostenlimits für Wahlkampf, werden politisch scharf kritisiert. Aktuelle Medienberichte bestätigen überwiegend die dramatische Dynamik zugunsten der Tisza-Partei, betonen aber auch, dass die endgültige Auszählung und daraus resultierende Sitzverteilung bis tief in die Nacht dauern kann. International wird die Wahl als Scheidepunkt für die ungarische Demokratie wahrgenommen, da das Ergebnis einen Machtwechsel und einen Bruch mit Orbáns jahrelanger Dominanz einleiten könnte. Ein besonderes Augenmerk internationaler Beobachter lag auf der fairen Abwicklung der Wahl und den Unregelmäßigkeiten beim Wahltourismus; die hohe Mobilisierung der Wähler wirft die Frage auf, ob sich das politische Kräfteverhältnis in Ungarn jetzt tatsächlich grundlegend verschieben kann.