Notruf auf Augenhöhe: Warum klare Abläufe Leben retten – und wieso sie in Deutschland noch fehlen

In einer Notsituation bleibt oft keine Zeit für Unsicherheit: Plötzlich wird das Atmen schwer, jemand bricht zusammen, Panik macht sich breit. Genau dann hängt alles davon ab, dass am anderen Ende der Leitung jede Sekunde stimmt. Während in weiten Teilen Europas längst einheitliche Protokolle den Ablauf jedes Notrufs bestimmen, gleicht die Situation hierzulande eher einem Flickenteppich. Die Björn Steiger Stiftung fordert: Schluss mit dem Wirrwarr – einheitliche und qualifizierte Standards in allen deutschen Leitstellen müssen her.

heute 11:23 Uhr | 2 mal gelesen

Eigentlich ist es fast absurd: In anderen Ländern läuft der Notruf quasi wie ein Schweizer Uhrwerk ab – ein Anruf, eine klare Kette von Fragen, ausgetüftelt und stetig verbessert. Über 100 Millionen solcher standardisierten Gespräche gibt es pro Jahr, weltweit. Und in Deutschland? Da entscheidet oft noch das Bauchgefühl, wie das erste Gespräch mit dem Anrufenden verläuft. Die Bjoern Steiger Stiftung hat das ganz nüchtern nachgezählt: Nur ein Bruchteil der deutschen Leitstellen verwenden ein richtig systematisches, softwaregestütztes Verfahren. Die Unterschiede sind enorm – mal kommt das Fachwissen des Disponenten voll zum Tragen, mal entscheidet eben die Tagesform. Christof Chwojka von der Stiftung bringt es schnörkellos auf den Punkt: Kein Kind sollte aus bürokratischen Gründen sterben, nur weil am Notruf zu viele Fragen offenbleiben. Es geht nicht darum, Menschen durch Software zu ersetzen – die Empathie und das Fingerspitzengefühl der Leitstellenmitarbeiter sind und bleiben essenziell. Trotzdem: Wenn die Nerven blank liegen – und das Adrenalin fließt –, braucht es eine Art Checkliste. Ein System, das jeden routiniert durch den Notfall lotst, damit im Stress nichts vergessen wird. Gerade in kritischen Momenten, wenn jede Sekunde zählt: Kreislaufstillstand, das Herz steht still, niemand weiß, wie es weitergeht – da können standardisierte Fragen und konkrete Anweisungen wirklich Leben retten. Übrigens ist der Unterschied zwischen strukturierter und standardisierter Abfrage nicht so einleuchtend, wie er klingt. Standardisiert bedeutet: Die Software steuert dynamisch durch das Gespräch, leitet bei bestimmten Antworten sofort die nächste passende Frage ein und führt im Ernstfall zu klaren Handlungsanweisungen, etwa bei Wiederbelebung. Strukturierte Abfrage dagegen bleibt oft schematisch, lässt zu viel Spielraum für die individuelle Interpretation – logisch, dass im Extremfall auch mal wichtige Fragen unter den Tisch fallen können. Ein Vorreiter in Deutschland ist die Leitstelle Oldenburg: Dort weiß man, warum es nicht nur auf Professionalität, sondern auch auf Verlässlichkeit ankommt. Das Team dort beschreibt eindrücklich, wie entlastend es ist, im Chaos nicht nur auf den eigenen Instinkt vertrauen zu müssen – vor allem bei Ausnahmesituationen wie Geburten am Telefon, noch bevor der Rettungswagen überhaupt raus ist. Die Umstellung war kein Selbstläufer: Es braucht Schulungen, Anpassungen und echte Veränderungsbereitschaft. Aber am Ende zählt, dass keiner vergessen wird. Dass niemand durchs Raster fällt, sei es am Sonntagmorgen oder Dienstagabend. Die Björn Steiger Stiftung lässt nicht locker: Überall in Deutschland soll gelten – egal, wer anruft, die Hilfe funktioniert gleich. Chwojka findet: Spanien, Frankreich, Österreich – es geht doch auch dort. Also warum nicht auch hier? Bis dahin bleibt der Notruf ein bisschen Glückssache. Noch.

Standardisierte Notrufprotokolle gelten vielerorts als Rettungsgarant, doch Deutschland hinkt hinterher – bislang setzen bundesweit nur wenige Leitstellen auf digitale, qualifizierte Fragenkataloge. Dadurch entstehen massive Qualitätsunterschiede; oft liegt es am Zufall, wie gut Notrufe abgewickelt werden. Die Björn Steiger Stiftung fordert daher flächendeckende Einführung verbindlicher Standards, die sowohl die Sicherheit der Anrufenden als auch die Arbeit der Leitstellenmitarbeitenden verbessern sollen. Jüngste Recherchen zeigen, dass auch der Deutsche Feuerwehrverband und die Deutsche Gesellschaft für Rettungswissenschaften inzwischen Druck machen, um die Digitalisierung und Qualitätskontrolle in den Leitstellen voranzutreiben. Viele Experten sehen hier nicht nur Vorteile für den Patienten, sondern auch für die psychosoziale Gesundheit der Mitarbeitenden, die mit klareren Abläufen entlastet werden. In Nordrhein-Westfalen etwa laufen derzeit Pilotprojekte mit digitalisierten Abfragesystemen auf Hochtouren, und erste Auswertungen belegen: Fehlerquoten sinken, Überlastungssymptome nehmen ab. Dennoch bleibt die bundesweite Umsetzung eine politische Herausforderung – es fehlt bislang an klaren gesetzlichen Vorgaben, der verbindlichen Finanzierung und zentraler Koordination.

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