Je mehr man in Homers Odyssee eintaucht – sei’s im Original oder mit Meike Rötzer als Navigatorin –, desto mehr merkt man, wie wenig es eigentlich um den Sieg eines Einzelnen geht. Rötzer nimmt uns mit auf einen Umweg, weg von Odysseus’ Ruhm, hin zu den Menschen um ihn herum; insbesondere zu den oft übersehenen Frauenfiguren, die in der klassischen Version meist nur dekorative Rollen spielen dürfen. Sie lässt diese Frauen zu eigener Stärke und Vielschichtigkeit aufblühen – und fragt zugleich, wie eine antike Gemeinschaft wirklich funktioniert hat, wenn Krieg, Verlust und Machtspiele den Alltag bestimmten.
Die neue Interpretation legt die Struktur des Epos offen, gespielt wird mit Rückblenden und parallelen Erzählsträngen. Besonders für heutige Ohren spannend: Welche Möglichkeiten und Grenzen begegneten Frauen damals – und was sagt das über unsere Gegenwart aus? Das Hörbuch wechselt geschickt Perspektiven und gibt den klassischen Stoff als modernes Stimmengeflecht. Persönlicher Einschub: Ich hätte Homers Kämpfer selten als so verletzlich und menschlich erlebt wie in dieser Nacherzählung.
Von Meike Rötzer – geboren 1971 in Westfalen, mit Bühnen-, Radio- und Hörbucherfahrung – kommt dieses erzählerische Experiment: Sie gibt den Figuren der Antike Substanz und koloriert die Rahmengeschichte mit aktuellen Fragen nach Selbstbestimmung. Die Produktion wurde aufwändig inszeniert (Ton, Regie, Dramaturgie, alles dabei) und erscheint in acht etwa einstündigen Teilen via ARD Sounds.
Wer Rötzers Erzählstil live erleben möchte, hat am 13. September 2026 in München im Bergson (ehemals Rupert-Bodner-Str. 3-5) Gelegenheit dazu – begleitet von Live-Musik von SLATEC. Tickets und weiteres gibt’s online. (Links und Kontakte am Ende.)
Meike Rötzers Hörbuchadaption der Odyssee bringt die Stimme der Frauen ins Zentrum des antiken Epos und verwebt Altbekanntes mit aktuellen Fragestellungen, insbesondere zu Geschlechterrollen und Gemeinschaft. Diese Neudeutung folgt der bekannten Handlung, öffnet jedoch den Blick für überraschende Zwischentöne und stellt kritische Fragen an die patriarchale Struktur der damaligen Welt, was besonders vor dem Hintergrund jüngerer literarischer Tendenzen zur Diversität bemerkenswert erscheint. Neuere Recherchen zeigen, dass solche Perspektivwechsel in Literatur und Hörmedien weiter an Bedeutung gewinnen: Zum Beispiel veröffentlichte die Süddeutsche kürzlich einen Gastbeitrag zur neuen Rolle von Literaturadaptionen im Radioformat, wobei feministische Neuinterpretationen deutlich häufiger geworden sind; zudem berichtet die FAZ verstärkt über Hörbuchtrends, die klassische Stoffe auf innovative und experimentelle Weise aufbereiten; auf The Local Germany wird beobachtet, dass deutsche Medienhäuser gerne auf weibliche Erzählerinnen setzen, um Klassiker an heutiges Publikum heranzuführen.