Stromtreue kostet: Bestandskunden zahlen in Deutschland drauf

Wer seinem Stromanbieter jahrelang die Stange hält, wird zur Kasse gebeten – das zeigt eine neue Untersuchung auf unbequem ehrliche Weise.

heute 11:02 Uhr | 3 mal gelesen

Man kennt es ja aus dem Alltag: Wer einmal einen Stromvertrag abschließt, bleibt oft aus Bequemlichkeit dabei – und das kann ordentlich ins Geld gehen. Laut einer aktuellen Analyse der RWTH Aachen im Auftrag von Octopus Energy, auf die ntv sich bezieht, ist dieses Verhalten für deutsche Haushalte ein teurer Fehler. Anbieter umgarnen Neukunden mit attraktiven Tarifen, doch im Folgejahr schnellt der Preis im Schnitt um satte 47 Prozent nach oben, das sind etwa 13 Cent pro Kilowattstunde mehr. Allein 2025 beläuft sich die Summe, die besonders treue Kunden zu viel berappen, auf rund 11 Milliarden Euro – ein Batzen, den Octopus Energy wenig charmant als 'Treuestrafe' tituliert. Die Studie ist die erste, die so konkret beziffert, wie viel günstiger Neukundentarife im Vergleich zu den Preisen für Stammkunden ausfallen. Grundlage waren Tausende Preisänderungsbriefe, die private Haushalte erhalten hatten. Die RWTH rechnet vor: Bis zu 30 Millionen Haushalte waren 2025 von diesen Mehrkosten betroffen, das sind fast drei Viertel aller deutschen Haushalte. Octopus Energy geht sogar soweit, den Versorgern vorsätzliche 'Anlock- und Abzock-Strategien' zu unterstellen: Neukundenpreise passen sich laut der Studie regelmäßig der Marktlage an, während Bestandskunden scheinbar in einer eigenen – wenig günstigen – Realität unterwegs sind. Die Standardbegründung der Anbieter: gestiegene Kosten für Beschaffung und Vertrieb. Brisant: Das Preisgefälle hat sich laut der Studie nach der Energiekrise sogar noch verstärkt. Früher konnte man durch einen Anbieterwechsel jährlich zwischen 121 und 241 Euro sparen, heute winkt potenziell ein Preisvorteil von bis zu 492 Euro pro Jahr. Eine Staubsauger-Analogie drängt sich auf: Am Anfang wird sauber gemacht, später wird’s teuer.

Die Untersuchung bringt auf den Punkt, was viele Verbraucher ahnten und Experten befürchteten: Bestandskunden tragen oft die Hauptlast, während flexible Neukunden profitieren. Erschreckend viele – fast drei Viertel aller Haushalte – sind laut Studie vom 'Treue-Malus' betroffen. Blickt man darüber hinaus auf aktuelle Entwicklungen: Laut mehreren Berichten hat sich die Lücke zu Gunsten der Wechsler durch die Energiekrise sogar noch verbreitert. Viele Verbraucher fühlen sich getäuscht, weil Preissteigerungen oft pauschal begründet werden und echte Transparenz fehlt. Während einige Anbieter Preissenkungen für neue Kunden verkünden, merken viele Bestandskunden wenig oder gar nichts davon. Die Verbraucherzentrale rät immer offensiver, regelmäßig zu vergleichen und auch mal den Anbieter zu wechseln, um finanziell nicht abgehängt zu werden. Neuere Quellen wie taz und Süddeutsche berichten zudem, dass der Preisdruck auf private Haushalte anhält, obwohl die Einkaufspreise an der Strombörse gesunken sind. Die Energieversorger geben diese Rückgänge aber oft nur sehr verhalten oder verspätet an die Verbraucher weiter, wie die Süddeutsche ausführt. Das bestätigt den Vorwurf, dass insbesondere treue Kunden die Zeche zahlen, während der Wettbewerb vor allem um die Wechselwilligen tobt. Auch die Diskussion über politische Eingriffe oder strengere Regulierung nimmt angesichts dieser Entwicklungen an Fahrt auf – ein Thema, das wohl in naher Zukunft noch ordentlich für Zündstoff sorgen wird.

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