Manchmal sind die Antworten auf drängende Fragen erstaunlich simpel – aber unbequem. Dass sich die Westfalen-Gruppe nun entschlossen hat, einen Großteil ihrer Investitionen ins europäische Ausland zu verlagern, sagt mehr über die hiesigen Rahmenbedingungen als über das Unternehmen selbst. "Wir brauchen neue Perspektiven, gerade wenn der Heimatmarkt wackelt", so Dr. Thomas Perkmann, Vorstandschef, bei der jüngsten Bilanz-Pressekonferenz. Während hierzulande Strompreise und regulatorischer Dschungel Innovationen bremsen, florieren vergleichbare Projekte etwa in Frankreich – wo Westfalen soeben einen Vorzeige-Elektrolyseur in den Testbetrieb genommen hat. Im Gegensatz dazu sei in Deutschland aufgrund der Energiepreise und der störrischen Bürokratie derzeit kaum mit Wasserstoffprojekten zu landen, verrät Perkmann – und wirkt dabei völlig unaufgeregt, fast nüchtern.
Die Richtung ist klar: Mit neuen Standorten in Frankreich, Österreich und der Schweiz will Westfalen am europäischen Potenzial partizipieren, ohne sich weiterhin von Deutschland abhängig zu machen. Im Industriegasgeschäft geht es um Liefersicherheit und mehr Marktzugang. Dass der deutsche Wärmemarkt unter der anhaltenden Diskussion um gesetzliche Vorgaben ächzt und Kunden wie Unternehmen verunsichert, bekommt Westfalen schmerzhaft zu spüren – trotzdem halten sie an der Energiewende und weiteren Übernahmen in diesem Segment fest.
Was überrascht: Trotz der gewaltigen Herausforderungen steht Westfalen wirtschaftlich stabil da – Umsatz und EBIT auf Vorjahresniveau. Beeindruckend: Seit 2019 hat das Unternehmen die eigenen CO2-Emissionen deutlich gesenkt und steuert 2030 die Netto-Null an. Man merkt: Hier wird wirtschaftliche Vernunft mit ökologischem Ehrgeiz kombiniert – und das klingt fast zu idealistisch für die raue Realität da draußen.
Die Westfalen-Gruppe reagiert auf die zunehmend widrigen Standortbedingungen in Deutschland – vor allem die hohen Stromkosten und bürokratische Hürden – mit einer klaren Internationalisierungsstrategie: Zukünftig werden über 90 Millionen Euro, also 30 Prozent mehr als im Vorjahr, vor allem in neue Produktions- und Logistikstandorte im europäischen Ausland gesteckt. Während Wasserstoffprojekte in Frankreich bereits laufen, gelten vergleichbare Vorhaben in Deutschland aktuell wegen der Rahmenbedingungen als kaum realistisch. Trotz dieser Herausforderungen hält Westfalen an seiner ambitionierten Nachhaltigkeitsstrategie fest: Die eigenen CO2-Emissionen konnten seit 2019 um 72 Prozent reduziert werden, und bis 2030 wird Net-Zero angepeilt, weshalb das Unternehmen zu den klimafreundlicheren Playern der Branche zählt.
Laut Recherchen in jüngsten Wirtschafts- und Energieartikeln spitzt sich die Lage der deutschen Industrie tatsächlich weiter zu: Viele traditionelle Unternehmen verlagern Innovationsprojekte und Fabriken ins Ausland – der Chemieriese BASF etwa reduziert gerade massiv seine Investitionen im Inland, während Frankreich und Osteuropa zunehmend profitieren. Darüber hinaus zeigt der Boom bei europäischen Wasserstoff-Großprojekten, dass der Kontinent insgesamt auf dem Sprung in eine neue Industrieära ist. Interessant ist, dass selbst Mittelständler die Energiekostenspirale als existenzielle Gefahr empfinden und offen mit Abwanderung in EU-Nachbarstaaten liebäugeln.