Chemiebranche zittert vor Nachschubkrise: Rohstoffmangel im Schatten internationaler Spannungen

Markus Steilemann, Chef des Kunststoffherstellers Covestro, warnt: Die Iran-Krise könnte die Knappheit wichtiger Rohstoffe noch verschärfen – was nicht nur die eigene Branche trifft.

heute 15:37 Uhr | 3 mal gelesen

Die aktuelle Unruhe im Nahen Osten sorgt bei vielen Chemieunternehmen für beinahe nervöse Blicke auf die Landkarte: Noch fließt ein Teil der Rohstoffe über Pipelines ins Rote Meer und auf alternativen Routen, berichtet Steilemann in einem FAZ-Interview. Was aber, wenn auch diese Wege blockiert werden? Die Endlager würden nicht sofort leer, doch mittelfristig könnten viele Produktionsteile ins Stottern kommen – einige Rohstoffe könnten dann sogar schlichtweg fehlen. Interessanterweise ist es nicht immer die Menge, sondern das Spezifische: Besonders Substanzen, die im Volumen kaum ins Gewicht fallen wie Flammschutzmittel, können komplette Lieferketten lahmlegen, wenn sie plötzlich unerreichbar werden. Und während Unternehmen theoretisch von steigenden Preisen profitieren könnten, steht die Realität auf Messers Schneide: Kein Rohstoff, kein Output – und das zu Lasten aller, von Zulieferern bis Endkunden. Länder wie Japan oder Südkorea sind jetzt schon in der Klemme, weil kaum Öl und Gas ankommt und sie ihre Exportgüter kaum noch fertigen. Steilemann plädiert, Deutschland müsse sich unabhängiger machen – auch, wenn es wirtschaftlich im ersten Moment gar nicht attraktiv scheint. Stichwort: strategische Vorräte für Medikamente, Basischemikalien und Wasseraufbereitung. Gleichzeitig schnürt der Kostendruck den Unternehmen die Luft ab; internationale Konkurrenz schläft nicht und transformationale Neuerfindung kostet erstmal – na klar – Geld. Die Chemieindustrie ist gezwungen, klug zu priorisieren, sonst läuft Deutschland Innovationsvorsprung und Versorgungssicherheit aus dem Ruder.

Steilemann von Covestro hat erneut klar gemacht, wie sehr die Chemieindustrie auf geopolitische Stabilität angewiesen ist – und wie wackelig das Fundament angesichts der Iran-Krise und anhaltender Lieferengpässe geworden ist. Besonders die Anhängigkeit von bislang als selbstverständlich geltenden Rohstoffströmen aus dem Nahen Osten wird zum Unsicherheitsfaktor, nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für ganze Wirtschaftszweige. Nach jüngster Recherche verschärft sich die Lage tatsächlich: Zahlreiche Chemieunternehmen, etwa BASF oder Lanxess, berichten seit Anfang der Woche über verzögerte Lieferungen und signalisieren, dass sie kurzfristig keine Entwarnung geben könnten. Die Preise für bestimmte Chemikalien – insbesondere Spezialprodukte – ziehen in Folge bereits weltweit an. Prognosen aus Branchenkreisen fordern von der Bundesregierung die rasche Entwicklung nationaler Resilienzpläne, um ein Wegbrechen zentraler Wertschöpfungsketten zu verhindern.

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