Gewerkschaften bei jungen Arbeitnehmern wenig gefragt

Gerade mal zehn Prozent der 16- bis 30-Jährigen in Deutschland gehörten 2023 einer Gewerkschaft an – ein ungewöhnlich niedriger Wert im Vergleich zu älteren Generationen.

heute 10:59 Uhr | 3 mal gelesen

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat mithilfe des European Social Survey untersucht, wie viele junge Menschen in Deutschland sich gewerkschaftlich engagieren. Die ernüchternde Bilanz: Gerade einmal einer von zehn Beschäftigten unter 30 ist Mitglied. Deutlich mehr Anklang finden Gewerkschaften bei den über 50-Jährigen; hier liegt die Quote etwas höher, bei rund 18 Prozent. Generell sind die Zahlen rückläufig, nur etwa jeder Sechste im Berufsleben ist überhaupt organisiert. Deutschland befindet sich damit im europäischen Vergleich im Mittelfeld: Während in Skandinavien der Gewerkschaftsgeist noch pulsiert, bleiben viele Länder wie Frankreich, Polen oder Ungarn deutlich darunter. Wer sich genauer mit den Details beschäftigt, erkennt: Männer sind engagierter als Frauen, Menschen ohne Migrationshintergrund schließen sich häufiger einer Gewerkschaft an, genauso wie Beschäftigte im Produktionsbereich gegenüber dem Dienstleistungssektor. Der Befund wirft Fragen auf: Warum sind die Unterschiede so deutlich? Und was hält Jugendliche und junge Erwachsene davon ab, sich zu organisieren – ist es wirklich nur Bequemlichkeit oder steckt mehr dahinter?

Die IW-Studie zeigt, dass es einen signifikanten Unterschied in der gewerkschaftlichen Beteiligung nach Altersgruppen, Geschlecht und Herkunft gibt. Gerade junge Arbeitnehmer scheinen den Sinn oder Nutzen von Gewerkschaftsmitgliedschaft zu hinterfragen oder andere Prioritäten zu setzen, was möglicherweise mit veränderten Arbeitsformen (Stichwort: Gig Economy, flexible Jobs) und individuellen Einstellungen zur Arbeit zusammenhängt. Zudem erleben Gewerkschaften einen fortwährenden Rückgang an Mitgliedern, während in einigen europäischen Ländern (beispielsweise in Schweden oder Dänemark) die Bindung an Arbeitnehmervertretungen noch immer viel stärker ist. Neure Recherche (Juni 2024) ergänzt, dass Digitalisierung und Homeoffice, wie sie insbesondere bei jüngeren Arbeitnehmern verbreitet sind, das Gefühl kollektiver Solidarität schwächen – viele Jugendliche bauen weniger Bindung zum Betrieb und zu Betriebsräten auf. Ein weiterer Punkt ist die fehlende Sichtbarkeit und Attraktivität gewerkschaftlicher Angebote speziell für junge Zielgruppen, wie aktuelle Berichte betonen. Laut taz sind zudem prekäre Beschäftigungsverhältnisse und unsichere Berufsperspektiven Gründe für das niedrige Engagement, da junge Menschen sich weniger langfristig an Organisationen binden wollen. Dazu spielt offenbar auch die Rolle der sozialen Medien hinein, die individuelle Anliegen stärker befeuern als kollektive Arbeitskämpfe.

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