Gysi findet deutliche Worte: "Wir kommen um diesen klärenden Machtkampf nicht herum. Beim Parteitag im Juni muss jedes Mitglied sich im Klaren darüber sein, welchen Kurs es einschlägt – und was das für Folgen haben wird. Entscheidend ist, dass die Mehrheit klar Stellung gegen Antisemitismus bezieht." Er befürchtet, dass der Dauerstreit über Themen rund um den Nahostkonflikt der Linken mehr schadet als hilft. Durch die ständige Beschäftigung mit innerparteilichen Konflikten werde verpasst, dass Die Linke doch eigentlich für soziale Themen, bezahlbaren Wohnraum und den Widerstand gegen die AfD stehe. "Nach einer Klarstellung beim Parteitag müssen wir den Blick schnell wieder auf unsere Kernanliegen richten. Sonst wenden sich noch mehr Menschen von uns ab – und in diesem Jahr stehen einige wichtige Wahlen bevor", warnt Gysi. Zugleich weist er Vorwürfe der eigenen Partei zurück, rassistische Tendenzen zu vertreten, räumt aber eigene Fehler bei der Wortwahl ein: "Ja, zugegeben – wie ich es formuliert habe, war unglücklich. Ich bedaure das." Er kritisiert aber auch pauschale Sichtweisen, wonach die alleinige Schuld bei bestimmten Gruppen gesucht werde. Besonders bewegte ihn, dass manche – wie auch die Linksjugend – Israel grundsätzlich nur durch eine postkoloniale Brille betrachten: "Das zeugt von einem eklatanten Mangel an historischem Wissen." Nach einem Interview hatte Gysi gesagt, es seien viele Mitglieder mit unterschiedlichen Hintergründen in die Partei gekommen, die unter anderem Sichtweisen auf Israel mitbringen, die er für problematisch hält. Daraufhin warfen ihm über 200 Genossinnen und Genossen aus der migrantischen Linken vor, rassistische Denkmuster weiterzugeben. Für Gysi ist das "völlig abwegig" – er sei zum Gespräch bereit, doch bislang habe darauf niemand reagiert.
Gysi mahnt, dass der Parteiakrobatik um Antisemitismus ein Ende gesetzt werden muss, um Die Linke nicht weiter zu schwächen. Ihm geht es nicht nur um Klarheit gegen Antisemitismus, sondern auch um die Rückkehr zu sozialen und progressiven Kernthemen, die im Alltag der Menschen verwurzelt sind. Gleichzeitig gesteht er kommunikative Fehler ein, fordert aber mehr Sachlichkeit im Umgang miteinander. Der Konflikt fällt in eine Zeit, in der identitäts- und außenpolitische Debatten viele klassische Milieus der Linken spalten und alte Gewissheiten infrage stellen. Gysi, der nicht selten als Stimme der Vernunft in seiner Partei auftritt, zeigt nochmals, wie gefährlich sich gezogene Konfliktlinien für eine ohnehin angeschlagene Partei auswirken können. Recherchen der letzten 48 Stunden zeigen: Die Linke droht angesichts interner Kulturkämpfe weiter an Rückhalt zu verlieren – nicht zuletzt durch den unklaren Umgang mit Antisemitismusvorwürfen und die Vernachlässigung sozialpolitischer Themen. In aktuellen Artikeln wird darauf hingewiesen, dass die Glaubwürdigkeit der Linken beschädigt ist, eine klare Linie im Umgang mit Antisemitismus aber auch Wähler an begrenzten Stellen zurückgewinnen könnte. Darüber hinaus wird sichtbar, dass die internationale Lage – beispielsweise nach der Offensive Irans gegen Israel – die Debatte in deutschen Parteien zusätzlich emotionalisiert und Spaltungen befeuert.