Das Urteil ist gefallen, und zwar mit Deutlichkeit, die sogar eingefleischte Analytiker kurz stocken lässt. Viktor Orbán, fast schon ein Synonym für ungarische Politik der letzten Jahre, musste bei der diesjährigen Parlamentswahl eine ernüchternde Niederlage eingestehen. Offen und ohne große Umwege bezeichnete der Fidesz-Chef das Resultat als 'klar und schmerzhaft' – und das in einer Tonlage, die manchen Zuhörer überraschte. Währenddessen ließ Herausforderer Péter Magyar, gravitätisch wie selten ein Politiker, die Öffentlichkeit via Facebook wissen, dass Orbán bereits telefonisch zum Sieg gratuliert hatte. Kurz, knapp, fast lakonisch postete Magyar: 'Danke, Ungarn. Gerade hat mir Ministerpräsident Viktor Orbán zum Sieg gratuliert.'
Was steckt hinter den nackten Zahlen, die aktuell in Budapest die Runde machen? Laut Zwischenauszählung – etwa 60 Prozent der Stimmen sind gezählt – zeichnet sich für Magyars Partei Tisza ein Erdrutsch ab: 136 von 199 Sitzen winken, was nicht weniger bedeutet als eine mögliche Zweidrittelmehrheit. Ein Detail, das einen kleinen Schauer über den Rücken jagen kann: Mit dieser Mehrheit könnte Tisza sogar Verfassungsänderungen auf den Weg bringen. Von solchen Zahlen kann Orbáns Fidesz-Partei, die bei der letzten Wahl noch gemeinsam mit dem KDNP 135 Sitze verteidigte, nur träumen. Laut Hochrechnung bleiben aktuell nur 56 Mandate. Die ultranationalistische Bewegung Mi Hazánk bringt es auf 7.
Ein kurzer Exkurs zum Wahlsystem, das übrigens viel komplexer ist, als es zunächst aussieht: 106 Abgeordnete werden in sogenannten Einzelwahlkreisen per Mehrheitswahl bestimmt. Die verbleibenden 93 Sitze entstehen aus Listenstimmen – und das System integriert sogar Stimmen von Verliererkandidaten und die Mehrheitsvorsprünge der Sieger. Wer behauptet, bei ungarischen Wahlen durchzublicken, hat wohl selbst mal in einem Wahlbüro gezählt... Vielleicht ein guter Moment, kurz innezuhalten.
Magyars Wahlerfolg bringt Ungarns politische Landschaft ins Wanken: Nach dem vorläufigen Stand löst seine Partei Tisza scheinbar mühelos die langjährige Dominanz von Orbáns Fidesz ab und erringt eine Zweidrittelmehrheit – mit potenziell folgenreichen Möglichkeiten wie der Änderung der Verfassung. Die Dynamik erinnert fast an eine Zeitenwende, da das erstaunlich klare Wahlergebnis sowohl große Euphorie bei Tisza-Anhängern als auch Entsetzen im Fidesz-Lager auslöst. Laut neuesten Berichten wird nun heftig darüber diskutiert, wie friedlich und reibungslos ein politischer Machtwechsel in einem Land ablaufen kann, das oft für seine institutionellen Machtspiele bekannt ist. Zu den aktuellen Entwicklungen kommen mittlerweile internationale Reaktionen: Viele europäische Beobachter fragen besorgt, welche kursiven Wege Ungarn jetzt einschlagen wird.