„Es wird Zeit, dass wir mitentscheiden können, wie es mit dem Stahl bei Thyssenkrupp weitergeht“, so Jürgen Kerner, der stellvertretende IG Metall-Chef, im Gespräch mit der WAZ. Als Vize-Aufsichtsratsvorsitzender bei Thyssenkrupp ist Kerner überzeugt: „Das Window of Opportunity steht offen – politischer Rückenwind macht es möglich.“ Er spielt dabei auf die monatelangen erfolglosen Verhandlungen mit der indischen Jindal-Gruppe an, die sich nun zerschlagen haben. Vorstandschef Miguel Lopez hatte weiterhin betont, die strategische Auslagerung der Stahlsparte bleibe erklärtes Ziel. Kerner sieht eine Chance auf Eigenständigkeit für den Stahl: „Wir haben genug Modelle diskutiert, jetzt muss die Sparte endlich auf eigenen Füßen stehen können.“ Vonseiten des Vorstands kam auf Nachfrage zwar kein eigenes Statement, aber vielmehr der Verweis auf einen jüngsten Blogbeitrag von Lopez und Stahlchefin Marie Jaroni. Dort heißt es, jeder Meilenstein, den die Stahlsparte eigenständig setze, erhöhe ihre Attraktivität für Investoren – ein Signal an den Kapitalmarkt, aber auch eine leise Mahnung an die Belegschaft.
Die IG Metall fordert vom Thyssenkrupp-Vorstand eine offene Debatte über die Zukunft der traditionsreichen Stahlsparte – insbesondere angesichts der gescheiterten Gespräche mit externen Investoren wie Jindal. Jürgen Kerner sieht einen günstigen Moment, die Leitung der Stahlsparte selbst in die Hand der Beschäftigten und Gewerkschaft zu legen und pocht auf Mitbestimmung. Die Unternehmensführung setzt parallel auf weitere Kursbeständigkeit, um den Wert der Stahlsparte zu erhöhen und Investoren ins Boot zu holen. Neuere Entwicklungen zeigen, dass Thyssenkrupp inmitten eines schwierigen globalen Stahl-Marktes steht, in dem der Strukturwandel, die Transformation zu grünem Stahl und geopolitische Unsicherheiten die Branche unter Druck setzen. In den letzten Tagen wurde zudem in Wirtschaftsjournalen verstärkt diskutiert, wie wichtig eine arbeitsmarktpolitische Absicherung für den Industriestandort Deutschland bleibt – insbesondere in Nordrhein-Westfalen, wo Thyssenkrupps Wurzeln liegen.