Immer dieses Hickhack um Kleinigkeiten? Was wirklich hinter den meisten Paar-Streits steckt

Aßlar – Wer von uns kennt das nicht? Paare geraten gern mal wegen scheinbarer Lappalien wie dem Geschirrberg oder der liegengebliebenen Jacke aneinander. Doch häufig sind das nur die sichtbarsten Spitzen eines Eisbergs – ganz unten brodeln andere, oft tiefere Konflikte: nicht erfüllte Erwartungen, das Gefühl, nicht gesehen zu werden, oder über Jahre gewachsene Missverständnisse.

heute 09:28 Uhr | 4 mal gelesen

Kaum jemand streitet über das, worum es angeblich gerade geht. Meist verbergen sich hinter banalen Anlässen wie einer dreckigen Tasse ganz andere Dinge: alte Verletzungen, das Bedürfnis nach Nähe oder einfach der Wunsch, gehört zu werden – irgendwie wie bei einem Film, dessen Handlung man zwar kennt, aber immer wieder schaut. Oft ist der Anlass nur ein Platzhalter

Wenn Paare sich Haare über Alltagspetitessen machen, stehen dahinter erfahrungsgemäß tiefere Wünsche – etwa nach Anerkennung, Sicherheit und Zusammenhalt. Bleiben diese Bedürfnisse auf der Strecke, sammelt sich Frust an, der sich dann gern mal wegen Kleinigkeiten Luft macht. Bindungsprägungen als Streitverstärker

Ob jemand sich im Disput eher zurückzieht oder auf Angriff geht, hat oft mit prägenden Kindheitserfahrungen zu tun (hier ein kleiner Exkurs in die Bindungstheorie). Wer in jungen Jahren eher beziehungsängstlich oder distanziert unterwegs war, nimmt sich heute bestimmte Reaktionsmuster quasi mit in die Partnerschaft. Erst will einer Nähe, der andere blockt – dann verstärken sich die Muster gegenseitig. Die ewige Wiederholungsschleife

Lässt sich niemand auf echte Offenheit ein, landen Paare in vertrauten Schleifen: einer nörgelt, der andere macht dicht. So hangeln sich viele Jahre von einem wiederkehrenden Anlass zum nächsten, ohne das Kernproblem beim Namen zu nennen. Manchmal erkenne ich mich dabei (leider) auch selbst wieder – was wahrscheinlich kein schlechtes Zeichen ist, sondern einfach ziemlich menschlich. Vorwürfe verhindern (echte) Aussprache

Beim Streiten wählen viele instinktiv die Rolle des Anklägers – "Immer räumst du... nie erkennst du an..." Dabei wäre Offenheit über innere Gefühle hilfreicher: "Ich brauche Unterstützung." Aber leider formulieren wir selten so klar. Verständlich – Abwehrmechanismen sind schließlich unser Schutzschild. Ohne emotionale Sicherheit bleibt jede Beziehung auf Bewährung

Ob Beziehungen langfristig halten, hängt weniger von Harmonie als von Resilienz ab – wie schnell schaffen wir es, nach einem Streit wieder Verbindung herzustellen? Solange wir auf alte Muster pochen, lässt sich der Teufelskreis nicht durchbrechen. Die eigentliche Frage ist nicht, worüber gestritten wird – sondern was wir uns unterm Strich wirklich voneinander wünschen. Randnotiz: Niemand ist darin perfekt. Muss man auch nicht sein.

Über die Autoren

Jonathan Makkonen und Janine Förster stehen für bindungssensible Paararbeit. Beide haben hunderte Stunden Praxiserfahrung auf dem Buckel – er als Fachmann für Familienarbeit, sie als systemische Therapeutin. Gemeinsam stecken sie hinter ‚Das Relationship‘. Hier gibt es mehr Infos: https://dasrelationship.com/

Viele Paare geraten untereinander regelmäßig wegen scheinbarer Kleinigkeiten in Streit – oft sind diese jedoch nur ein Ventil für unterschwellige, unerfüllte Bedürfnisse wie Anerkennung und Nähe. Aktuelle Forschung und Beratungsansätze betonen, dass Beziehungsmuster meist durch frühkindliche Bindungserfahrungen geprägt sind und bestimmte Teufelskreise, wie das Wechselspiel zwischen Nähebedürfnis und Rückzug, regelmäßig wiederkehren. Ein nachhaltiger Ausweg findet sich weniger im Lösen einzelner Konfliktthemen, sondern vor allem darin, die dahinterliegenden Bedürfnisse verständlich zu äußern, Verantwortung für die eigenen Reaktionen zu übernehmen und nach einem Streit wieder respektvoll zueinanderzufinden. In diesem Zusammenhang gewinnen Methoden wie die gewaltfreie Kommunikation oder systemische Paartherapie zunehmend an Bedeutung, etwa wenn es darum geht, Vorwürfe durch das Benennen von Bedürfnissen zu ersetzen. Besonders die gesellschaftlichen Unsicherheiten der letzten Jahre (Stichwort: Pandemie, wirtschaftliche Belastungen) haben laut mehreren Psychologen zu verschärften Beziehungskrisen geführt –-Aber auch neue Chancen geschaffen, die Bedeutung von emotionaler Sicherheit offener zu thematisieren.

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