Wenn ich auf die Märkte der letzten Zeit schaue, muss ich zugeben: Manchmal wundert mich, was da gefeiert wird. Spekulative, konjunkturabhängige Werte, die in ruhigen Jahren niemand mit der Kneifzange anfasst, legen auf einmal eine Rally hin – so Tilmann Galler auf der Präsentation seines aktuellen Marktguides für das erste Quartal 2026. Gerade nach April 2025 wurde die Spreizung deutlich: Qualitätsaktien kamen unter die Räder, scheinbar haltlose Titel sprangen nach vorn. Jetzt, da der Bullenmarkt langsam alt wird, steigt das Risiko für Rücksetzer erheblich.
Mit soliden, ballaststoffreichen Portfolios steht man besser da – meint zumindest Galler. Für ihn sind Unternehmen mit belastbaren Bilanzen und planbaren Dividendenzahlungen das Gebot der Stunde. Diversifizieren, statt alles auf eine Karte zu setzen, könnte schlimmere Rückschläge abpuffern. Europa, China Tech und Anleihen aus Schwellenländern sieht er aktuell im Vorteil – und auch alternative Investitionen, besonders Infrastruktur und Transport, könnten sich als Inflationsanker bewähren, falls die Preise wieder Fahrt aufnehmen.
Inflation bleibt für 2026 der wunde Punkt. Mit einer US-Kerninflation von 2,7 Prozent im November 2025 ist das Zwei-Prozent-Ziel der Notenbanken aus dem Blick geraten, und die angekündigten US-Zölle werden den Preisdruck vermutlich weiter anfachen. Galler sieht in überbordender Fiskalpolitik eine der Hauptquellen für steigende Preise – im Gegensatz zu Zentralbanken, denen oft zu viel Macht zugeschrieben werde. Dass Präsident Trump staatliche Schecks als Wahlgeschenk verteilt, während die Arbeitslosenquote schon steigt, müsse Anleger doppelt wachsam machen.
In Amerika wird mit weiteren Zinssenkungen gerechnet. 2026 erwartet Galler das Ende der Amtszeit von Powell und damit neue Unsicherheiten. Die Notenbanken dürften wohl künftig mehr Inflation dulden, solange die Lohnentwicklung nicht völlig entgleist – zumindest in den USA. In Europa werde die Zinswelt stabil bleiben, sofern keine unerwartet starken Preisschübe kommen.
Wachstum und Stabilität werden weiterhin politisch gestützt – etwa durch Deutschlands Mega-Infrastrukturpaket und die große KI-Offensive Chinas. Technologische Investitionen erreichen fast historische Höhen. Ein spannender Gedanke: Erstmals gehen die großen US-Technologieplattformen dazu über, auch Fremdkapital für ihre teuren Projekte aufzunehmen. Da bleibt die Frage, ob diese Ausgaben sich am Ende lohnen werden oder zur Bürde werden.
Spannend ist ein Blick in die Vergangenheit: In den Tech-Blasen und Finanzkrisen vergangener Jahrzehnte konnten sich defensive Sektoren und Dividendentitel recht ordentlich halten. Wer solide ausschüttende Aktien und Grundbedarfswerte im Depot hatte, landete trotz Crash deutlich softer. Das spricht auch jetzt für defensive Strategien, findet Galler – Geschmackssache, aber die Zahlen geben ihm wohl recht.
Was läuft dieses Jahr? Europäische Wachstumsaktien, auch als 'Granolas' bekannt, könnten der Kontinental-Antwort auf Silicon Valley sein. Im Tech-Bereich Chinas geht richtig was voran, und günstige Small Caps könnten wiederentdeckt werden. Übrigens: Schwellenländer-Anleihen sind, so Galler, spannender als ihre Aktienpendants, weil die Bewertungen dort moderater geblieben sind. Anleihen insgesamt werden zunehmend zur Pflicht – insbesondere für alle, die sich vor einer Tech-Krise schützen möchten.
Was abseits der Börse läuft: Auch Infrastruktur-Investments, etwa über European Long-Term Investment Funds, sind für Privatanleger endlich leichter zugänglich geworden und bieten Schutz gegen Preisschocks. Gold hingegen sei aktuell kein Selbstläufer mehr – die Schmucknachfrage schrumpft, der Preis scheint ausgereizt.
Sein Gesamtfazit? Es gibt nach wie vor Risiken, und die Luft für spekulative Höhenflüge wird dünner. Wer besonnen bleibt, breit gestreut investiert und auf Qualitätsunternehmen setzt, hat die besten Karten. Die nächste große Überraschung kommt bestimmt – ob als Chance oder als Schreckmoment, ist noch offen.
Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan, sieht das Börsenjahr 2026 von unterschiedlichen Kräften geprägt: Während kurzlebige 'Bad-Quality-Rallys' im Trend liegen, wächst der Druck auf Substanzinvestments und defensive Strategien. Inflation, politischer Stimulus – etwa durch direkte Geldzuwendungen in den USA – sowie technologische Investitionswellen bergen Chancen, erhöhen aber auch die Unsicherheit. Gallers Fazit: Diversifikation, Qualitätsaktien und defensive Sektoren sollten in jedem Depot dominieren.
Erweiterte Perspektive: Die jüngsten tagesaktuellen Finanz-Nachrichten zeigen, dass die globale Konjunktur trotz KI-Innovationshype und geopolitischer Unsicherheiten stabil bleibt – jedoch mahnen etwa die taz und die Süddeutsche vor Überbewertung an US-Börsen. Die Financial Times hebt hervor, dass Investoren weltweit mit weiteren Zinssenkungen der Zentralbanken rechnen, aber der Lohndruck in Europa und den USA als unterschätztes Inflationsrisiko gilt. Eine Analyse in der ZEIT warnt aktuell vor überschießenden Tech-Bewertungen, während krautreporter.de die Chancen von Infrastruktur-Investments für Nachhaltigkeit und Resistenz in kritischen Marktphasen betont.