Ich erinnere mich noch an das seltsame Gefühl, dass Sportereignisse manchmal hinterlassen: Euphorie wegen eines Tores – und im Nachrichten-Ticker ein Bericht über eine neue Hunger- oder Dürstekatastrophe irgendwo auf der Welt. Was für eine seltsame Gleichzeitigkeit. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 zieht wieder Millionen Menschen in ihren Bann, für 39 Tage herrscht Ausnahmezustand: Public Viewing, Grillabende, Nationalflaggen allenthalben. Doch während sich die Welt um das nächste Tor reißt, stirbt, statistisch betrachtet, alle zwölf Sekunden ein Mensch an Wassermangel. 2,6 Millionen pro Jahr. Oder: eine Großstadt – ausgelöscht im Zeitraffer, während im Fernsehen Tore bejubelt werden.
Besonders paradox, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet WM-Städte wie Mexiko-Stadt, Monterrey oder Los Angeles akut unter Wasserknappheit leiden. Mexiko-Stadt ordnete 2024 offiziell Notmaßnahmen an, Monterrey hatte schon 2022 wochenlang trockene Leitungen für Millionen Menschen, Los Angeles kämpft mit Buschbränden, weil Hydranten leer bleiben. Und was macht man dort? Baut riesige Arenen, bewässert Fußballrasen, betreibt Hotelpools – Inszenierung on the rocks. Ich frage mich manchmal, wie sich das anfühlt: Rasen zu besprengen, während die Bewohner der Nachbarsiedlung für ein paar Liter Wasser anstehen müssen. Ist das Zynismus? Oder schlicht der Lauf der Dinge, weil Unsichtbares eben keine Nachrichten macht?
Die Gleichung ist einfach und ernüchternd: Sichtbares zieht Aufmerksamkeit, das Unsichtbare verschwindet aus dem Fokus. Klingt nach Medienkritik, ist aber eine Feststellung. Und doch gibt es Hoffnung. Während Politiker konferieren und Statistiken hoch- und runterdeklinieren, tüfteln Menschen an Lösungen, die das Potenzial haben, das Blatt zu wenden. Carl Albrecht Waldstein, Gründer des Wiener Unternehmens DesertGreener, baut ein solarbetriebenes System, das aus Meerwasser direkt vor Ort sauberes Trinkwasser macht – ganz ohne fossile Brennstoffe. Ihr WME-MVC-Verfahren wurde in 18 Jahren Entwicklung auf den Weg gebracht und könnte genau jenen Regionen helfen, in denen das Meer so nah ist, das Wasser aber trotzdem unerreichbar bleibt.
Die Realität bleibt widersprüchlich: Wir feiern sportliche Siege und übersehen dabei, dass Hunderte Menschen diesen Tag nicht überleben, nur weil ihnen das Lebensnotwendigste fehlt. Vielleicht sind es nicht immer die bösen Mächte oder „die Anderen“, sondern schlicht die Art, wie wir die Welt betrachten: Nahes ist wichtig, Fernes blenden wir aus. Dabei wäre der wirkliche Sieger jener, der das Wasserproblem für alle löst – und nicht der Torschützenkönig. Ob wir das wollen, bleibt am Ende unsere Entscheidung.
Dass die Fußball-WM 2026 in Städten mit gravierender Wasserproblematik stattfindet, wurde in den Medien zuletzt mehrfach kritisch beleuchtet. Während das Großevent Milliarden bindet, greift die Wasserknappheit in Metropolen wie Mexiko-Stadt immer massiver um sich; 2024 wurde dort der Notstand ausgerufen, und Proteste der Bevölkerung nehmen zu. Neue Forschungsergebnisse und Initiativen wie die von DesertGreener zeigen, dass technische Lösungen für globale Trinkwasserversorgung mittlerweile bereitstehen, häufig aber an politischer Unterstützung, Finanzierung oder schlicht mangelndem Interesse scheitern. Gleichzeitig wächst die Kritik an der Doppelmoral internationaler Großveranstaltungen, die Nachhaltigkeit proklamieren, aber lokale Probleme unbeachtet lassen – auch die FIFA stand deswegen zuletzt in der Kritik. Schätzungen internationaler Hilfswerke zufolge wird die Zahl der durch Wassermangel betroffenen Menschen bis 2030 auf über 3,5 Milliarden steigen, sofern keine spürbaren Maßnahmen ergriffen werden. Einige neue Studien warnen bereits vor sozialen Kipppunkten in wasserarmen Regionen, die sich durch solche Events weiter verschärfen könnten.