Kinder sind mehr als Rechenobjekte: Was beim Unterhaltsvorschuss wirklich schiefläuft

Nürnberg – Der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV) kritisiert die geplanten Änderungen beim Unterhaltsvorschuss als zu oberflächlich. Die öffentliche Diskussion bleibt an der sogenannten Rückholquote hängen, statt die eigentlichen strukturellen Probleme im Unterhaltsrecht und der Familienpolitik zu benennen. Kinder als Kostenfaktor zu betrachten, greife viel zu kurz – nötig ist laut ISUV ein grundsätzlich neues Nachdenken über Gerechtigkeit für Trennungskinder.

heute 09:15 Uhr | 4 mal gelesen

Seit 2016 sind die staatlichen Ausgaben für den Unterhaltsvorschuss von 0,86 auf 3,24 Milliarden Euro regelrecht explodiert. Während sich die Anzahl der unterstützten Kinder fast verdoppelt hat, stagniert die Rückholquote von den zahlungspflichtigen Elternteilen bei chronisch niedrigen 15 bis 20 Prozent. ISUV hält das Argument, daraus Sparmaßnahmen abzuleiten, für einen Irrweg.

Kern verfehlt

"Die Rückholquote wird gern als angeblicher Beweis für Zahlungsverweigerung dargestellt. Doch oft fehlt einfach das Geld – und zwar ganz real. Viele Unterhaltspflichtige verdienen zu wenig oder überleben selbst am Selbstbehalt. Daran scheitert auch jedes noch so scharfe Inkassoverfahren," so Melanie Ulbrich vom ISUV. Die klassischen Mangelfälle stellen mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme dar. Statt die individuelle Verantwortung in den Fokus zu rücken, versagt das System selbst, weil es sich an alten Leitbildern festklammert.

Falsche Symptome werden behandelt

Wer nur auf die Rückholquote starrt, bekämpft Symptome, aber nicht die Wurzeln. Fehlende Kinderbetreuung, unflexible Arbeitszeiten, massive Erwerbshemmnisse und ein veraltetes Unterhaltsrecht bringen immer mehr Getrenntfamilien in prekäre Lagen. Viele Alleinerziehende schaffen es nicht in den Beruf zurück, weil Betreuung fehlt. Gleichzeitig geraten Unterhaltspflichtige unter Druck, wenn sie schon am Existenzminimum leben. Es fehlt an Investitionen – etwa in Ganztagsschulen, Kitas und Betreuung –, ohne die die Eigenständigkeit der Eltern bloßer Wunsch bleibt. "Solange beide Eltern wirtschaftlich nicht auf eigenen Füßen stehen, ist jede Debatte über Rückholquoten ein Ausweichmanöver," warnt Ulbrich. "Und wenn das Familienrecht weiter vorsieht, dass einer betreut und der andere zahlt, ignorieren wir, wie heutige Familien wirklich funktionieren."

Gerechte Lastenteilung statt Sparideologie

ISUV fordert: Das System muss auf die Lebensrealität moderner Familien reagieren. Notwendig sind flexiblere Unterhaltsregelungen, angemessene Berücksichtigung beider Elterneinkommen, massiver Ausbau von Kinderbetreuung und familienfreundlichen Jobs. Das altbackene Prinzip "einer betreut, einer zahlt" passt nicht mehr – besser wäre "beide betreuen, beide zahlen". So wird Unterhalt machbar, fair und die Kinder werden nicht zum Sparobjekt.

"Kinder gehören nicht in eine Excel-Spalte. Gefordert ist ein System, das endlich fair und praktikabel ist," so Ulbrich.

Über ISUV e.V.

Seit 1975 kämpft der ISUV für Familienrechte und partnerschaftliche Elternschaft nach Trennungen. Mit 5.000 Mitgliedern und über 60 Ansprechpartnern vor Ort steht der Verband Betroffenen zur Seite – sei es bei Streit um das Sorgerecht oder der Suche nach einer einvernehmlichen Lösung.

Kontakt: ISUV e.V., Bundesvorsitzende Melanie Ulbrich (presse@isuv.de), Website: www.isuv.de

Im Kern verfehlt die aktuelle Diskussion über den Unterhaltsvorschuss das Wesentliche: Die niedrige Rückholquote ist nicht ein Ausdruck von mangelndem Vollzug oder Zahlungsbereitschaft, sondern ein Spiegelbild der realen Einkommensverhältnisse vieler Unterhaltspflichtiger – oft schlicht Mangelfälle. Zudem verhindert die unzureichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland, dass beide Elternteile nach einer Trennung eigenständig wirtschaftlich für ihre Kinder einstehen können. Der ISUV plädiert deshalb für mehr Investitionen in Betreuung, flexible Arbeitsmodelle und zeitgemäße Regelungen im Unterhaltsrecht, anstatt am Unterhaltsvorschuss zu sparen – ein Standpunkt, der in letzter Zeit zunehmend auch von Sozialverbänden, Familienorganisationen und manchen Stimmen aus der Politik geteilt wird. Laut aktuellen Recherchen (Stand: Juni 2024) hat das Thema an Brisanz gewonnen, da ein neuer Vorstoß der Bundesregierung zur Reform des Unterhaltsvorschusses für heftige Debatten sorgt: Experten kritisieren, dass die Ursachen für die wachsende Zahl von Alleinerziehenden und die finanzielle Not vieler Trennungsfamilien weiterhin verkannt werden. Mehrere Zeitungen berichten, dass die Rückholquote sinkt, obwohl das Inkassoverfahren verschärft wurde – meistens, weil gar kein pfändbares Einkommen da ist. Die Bundesregierung erwägt einen Ausbau von Ganztagsbetreuung und flexibleren Unterhaltsregelungen, um Eltern nach Trennungen besser zu entlasten, doch konkrete Gesetzentwürfe stehen noch aus.

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