Für Lamya Kaddor, Bundestagsabgeordnete der Grünen und oft auch eine unbequeme Mahnerin in Integrationsfragen, ist das Thema Integration kein zahnloses Schlagwort. Sie mache keinen Hehl daraus, dass sie von Menschen, die sich Deutschland bewusst als neuen Lebensmittelpunkt ausgesucht haben, auch Engagement erwartet. In ihren Worten: Wer sich weder sprachlich noch beruflich integrieren will und sogar feindlich gegenüber dem Land eingestellt bleibt, der sollte sich keine Hoffnung auf eine langfristige Bleibe machen.
Allerdings – und das ist ein bemerkenswerter Gegensatz – verweist Kaddor ebenfalls darauf, dass für viele Syrer eine Rückkehr kaum zur Debatte steht. Die meisten hätten sich längst verwurzelt, Kinder geboren oder die entscheidenden Jahre der Sozialisation hierzulande erlebt. Hier zerreißt sie beinahe zwischen zwei Erwartungen: Zum einen fordert sie eine klare Kante gegenüber Integrationsverweigerern, zum anderen warnt sie vor pauschalen Abschiebungen gut eingebundener Menschen aus zweiter oder dritter Generation. Ist es wirklich klug, Menschen, die Deutschland bereits als Heimat empfinden, ins Ungewisse zu schicken?
Apropos Unsicherheit: Den Berlin-Besuch von Präsident al-Scharaa findet Kaddor zwar nicht grundsätzlich verwerflich – offen gesagt, sie sieht diplomatische Gespräche mit schwierigen Partnern als notwendig an. Aber eine Showveranstaltung, bei der man dem Machthaber den roten Teppich ausrollt, darf es nicht werden. Sie richtet einen Appell an die Bundesregierung: Vergesst bei aller Wirtschaftskooperation nicht das Schicksal von religiösen und ethnischen Minderheiten Syriens! Das Spitzentreffen mit Präsident und Kanzler ist für Montag angesetzt, zusätzlich ist ein wirtschaftlicher Roundtable geplant.
Für meinen Teil denke ich – Integration bleibt ein zähes Ringen zwischen Fordern und Fördern. Und manchmal erinnert mich die Debatte an einen wackligen Stuhl: Kippt man zu sehr auf die eine oder andere Seite, geht das Gleichgewicht verloren.
Kaddor fordert eine konsequentere Linie gegenüber Syrern, die sich Integrationsbemühungen in Deutschland entziehen, betont jedoch, dass Rückführungen bei hier verwurzelten Menschen wenig sinnvoll sind. Sie spricht sich für ein differenziertes Vorgehen aus, das einfache Lösungen meidet und auch die komplexen Lebensrealitäten der Betroffenen im Blick behält. Ihr Ruf nach diplomatischer Klarheit beim anstehenden Besuch von Präsident al-Scharaa ist ebenso eine Forderung an die Bundesregierung, Menschenrechte und Minderheiten nicht auszublenden.
Ergänzend ist zu sagen, dass aktuell in der deutschen Politik angesichts globaler Fluchtbewegungen und der weiterhin angespannten Lage in Syrien kontrovers diskutiert wird, ob und unter welchen Bedingungen Abschiebungen dorthin erfolgen könnten. In den letzten Tagen gab es verschärfte Forderungen von Teilen der Union und der AfD, bestimmte Syrer ohne dauerhafte Bleibeperspektive schneller rückzuführen, demgegenüber warnen Menschenrechtsorganisationen vor den Risiken und verweisen auf die katastrophale Sicherheitslage vor Ort. Parallel dazu wird erneut über die Bedeutung von Integrationskursen und die Rolle von Kommunen bei der Integration von Geflüchteten debattiert, wobei positive Beispiele gelungener Integration wie auch fortbestehende Herausforderungen benannt werden.