Nach dem Wiener Kongress lag die preußische Provinz Sachsen als Flickenteppich in der Mitte Europas: wenig verbindende Geschichte, aber dafür etliche gotische Kapellen, romanische Kirchen und andere Zeugnisse einer fast vergessenen Zeit. Im frühen 19. Jahrhundert, während Romantiker Ruinen malten und die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit aufflammte, wandten sich Gelehrte wie Franz Kugler oder Ludwig Puttrich dem gebauten Erbe zu und veröffentlichten kenntnisreiche Artikel über die Bedeutung einstiger Prachtbauten. Nicht zu vergessen: Schinkel, dessen bahnbrechendes Memorandum 1815 das Fundament moderner Denkmalpflege legte – damals ein Novum! Die preußischen Herrscher setzten sich durchaus persönlich, aber auch aus politischem Kalkül für Restaurierungen ein, wie man etwa am Magdeburger Dom sehen kann.
Dieses historische Feld greift das Zentrum für Mittelalterausstellungen (ZMA) mit seinem neuen "Korrespondenzortprojekt" für den Sommer und Herbst 2026 auf. Im Zentrum: 13 Partnerorte, die ihre Verbindungen zur mittelalterlichen Denkmalkultur kulturtouristisch erlebbar machen. Das alles schließt direkt an die gerade noch laufende Ausstellung "Erbauung (an) der Vergangenheit" im Kulturhistorischen Museum Magdeburg an. Am 7. Mai fiel der Startschuss: Eine Podiumsdiskussion brachte Forscher:innen wie Prof. Dr. Christian Antz und Prof. Dr. Ute Engel zusammen, die mehr Gemeinsamkeiten zwischen damaligen und heutigen Konflikten rund um das Thema Denkmalschutz sahen, als man ahnt. Der zugrunde liegende Diskurs um Identität, Erhalt und Wandel ist keineswegs staubig – sondern brandaktuell.
Das ZMA will so mehr als nur alte Steine zeigen: Die Besucher:innen sollen in einen Dialog mit der Vergangenheit und dem Thema Kulturtourismus treten. Vor Ort, entlang der Straße der Romanik und an weniger bekannten Originalschauplätzen, lassen sich die Ursprünge und Herausforderungen der Denkmalpflege selbst erleben. Wer mag, kann sich auf www.mittelalterausstellungen.de vorab schlau machen oder sich direkt ins Abenteuer stürzen.
Das Korrespondenzortprojekt des ZMA hebt die Geschichte der Denkmalpflege in Mitteldeutschland über bloße Ausstellungsschilder hinaus: Die Vergangenheit wird zum Erfahrungsraum, an dem sich Besucher:innen nicht nur an alten Gemäuern, sondern auch an den damaligen Streitpunkten und heutigen Bedeutungen reiben können. Außerdem reagiert das Projekt auf einen spürbaren Trend der letzten Jahre: Der Kulturtourismus boomt, vor allem Orte mit mittelalterlichem Erbe verzeichnen steigende Besucherzahlen. Nun verbinden sich Fragen nach dem Bewahren, dem kritischen Umgang mit Identität und kollektiven Erinnerungen ganz konkret mit touristischem Erleben und wissenschaftlichem Austausch. Neu recherchiert: Laut einem aktuellen Beitrag der ZEIT werden Denkmale vermehrt als lokale Lernorte gegen Entfremdung und Geschichtsvergessenheit aktiviert; in der FAZ wird zudem berichtet, dass gerade in Sachsen-Anhalt aktuelle gesellschaftliche Debatten wie Klimawandel und Inklusion verstärkt mit Denkmalpflege und neuen Vermittlungsformaten verknüpft werden. Zudem legt taz.de dar, dass öffentliche Investitionen in Denkmalschutz oft wichtige Impulse für Regionalentwicklung und nachhaltige Tourismuskonzepte sind, was diesem Projekt zusätzliche Relevanz verleiht.