Müller-Wohlfahrt: Ein Leben für den Sport – Rückzug steht nicht zur Debatte

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, die graue Eminenz der deutschen Sportmedizin, denkt nicht im Traum an den Ruhestand – und das mit fast 84 Jahren.

heute 10:43 Uhr | 5 mal gelesen

Er will weitermachen, solange 'der Himmel kein Stoppschild setzt'. So sagt es Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der vielen schlicht als „der Doc“ gilt, im Gespräch mit dem Spiegel. Demnächst feiert er seinen 84. – aber ans Aufhören denkt er überhaupt nicht. Über Jahrzehnte hinweg hat er Größen wie Usain Bolt, Sebastian Vettel oder Wladimir Klitschko wieder auf die Beine gestellt, und bis heute strömen Spitzensportler aus aller Welt in seine berühmte Praxis mitten in München. Oder – manchmal auch kurios – reist der Doc selbst über den Atlantik, wenn’s ganz brennt. Seine Methode? Handarbeit, wortwörtlich. In einer Zeit, in der Medizin immer digitaler und technisch ausgefeilter wird, schwört er aufs Ertasten. MRT-Bilder? Nützlich, aber laut Müller-Wohlfahrt bei Muskelproblemen oft irreführend. Für ihn zählt die Erfahrung der Hände: Ein Muskelfaserriss fühlt sich immer gleich an, sagt er – seine Finger erkennen das. Klingt altmodisch, aber seine Liste an Fürsprecher:innen liest sich wie ein sportliches 'Who’s who': Basketball-Legende Kobe Bryant ließ sich von ihm behandeln, Usain Bolt bat ihn vor Olympia 2016 noch in Rio um Hilfe. Nur Stunden später sprintete Bolt zu Gold – und widmete die Medaille indirekt dem Arzt. „Doc, die gehört dir“, soll Bolt gesagt haben. Spannend auch: Müller-Wohlfahrt stammt aus einem ostfriesischen Pfarrhaus. Sein Vater, selbst zurückhaltend, legte ihm Werte wie Nächstenliebe ans Herz – mit Skepsis gegenüber der Medizin, übrigens. Fast hätte ein mäßiges Abi seine Laufbahn zunichte gemacht, aber am Ende wurde er nicht nur Arzt, sondern eine Koryphäe. Trotz Ruhm bleibt er kritisch: Ärzte verlassen sich aus seiner Sicht heute zu sehr auf Maschinen und nehmen sich zu wenig Zeit. Patienten wollen reden, nicht nur Piepen hören. Sein Vorwurf: 18 Sekunden Gesprächsdauer – das sei zu kurz, um Vertrauen aufzubauen oder Heilung zu fördern. Seine Zeit beim FC Bayern? Ein Kapitel voller Höhen und Tiefen. Nach einem Konflikt mit Trainer Pep Guardiola ging Müller-Wohlfahrt 2015 – man hatte versucht, ihm Niederlagen in die Schuhe zu schieben. Wütend machte ihn, dass ihm vorgeworfen wurde, er würde Profis unnötig schonen. Rückhalt vom Verein fehlte, ein Bruch, den er bis heute nicht vergessen hat. Das alles klingt nach jemandem, der noch nicht so schnell loslassen möchte – und vielleicht ist genau das sein Geheimnis.

Müller-Wohlfahrt bleibt eine der schillerndsten Figuren der Sportmedizin und setzt weiterhin auf den direkten Kontakt zum Patienten – ein Ansatz, der in der heutigen Zeit fast schon rebellisch wirkt. Gerade nach seinem Rücktritt bei Bayern München blieb er medial präsent, unter anderem durch seine Kritik an zunehmender Technologisierung in der Medizin. Laut aktuellen Medienberichten hat der 83-Jährige jüngst wieder einige internationale Spitzensportler betreut und in Interviews bekräftigt, dass für ihn Menschlichkeit und Intuition unersetzlich bleiben. Neben seiner Arbeit wird seine Methodik mittlerweile in der Fachwelt diskutiert – Kritiker sehen in seinem Tastverfahren ein Relikt alter Zeiten, andere loben den Erfolg, besonders bei diffizilen Muskelverletzungen. Seine klare Haltung zu medizinisch-ethischen Fragen sorgt immer noch für Gesprächsstoff; erst 2024 äußerte er sich in Interviews besorgt über die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und die Gefahr, individuelle Patientengeschichten in der Praxis zu übersehen. Die Begeisterung für die Sportmedizin in Deutschland bleibt hoch: Neue Generationen von Ärzten suchen inzwischen gezielt das Gespräch mit Müller-Wohlfahrt, um von seinen fast schon legendären Erfahrungen zu lernen.

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