Es gibt Tage, an denen scheint die Parteipolitik der Grünen festgefahren – zumindest wenn man Omid Nouripour folgt. Im Interview mit T-Online machte er am Freitag deutlich: Das Top-Personal müsse freier agieren dürfen. "Unsere Leitung braucht mehr Freiraum", lautete sein nüchterner Appell. Viel zu oft werde auf bundespolitischer Ebene noch ängstlich balanciert; zu viel Zeit ginge für Kompromisse und internes Austarieren drauf. Was läuft besser? Die Wahlkämpfe in den Ländern dienten für Nouripour als positives Gegenbeispiel. Baden-Württemberg tickt eben anders als Berlin – und diese Unterschiede müsse man ausspielen statt wegbügeln. Nur dann werde aus regionalen Erfolgsrezepten ein bundesweiter Trend.
Ein weiteres Argument des ehemaligen Vorsitzenden: Geduld. Nouripour erinnert daran, wie die Grünen einst 2005 aus der Regierungsverantwortung flogen – und wie lang solche Einschnitte nachwirken können. "Ein bisschen Nachsicht mit uns selbst ist also angebracht." Außerdem, immerhin ein Lichtblick, lobte er die solide Zusammenarbeit der Spitzenleute. Partei- und Fraktionsvorsitzende, so Nouripour, ziehen meist an einem Strang – das sei eine wertvolle Konstante.
Omid Nouripour, ehemaliger Grünen-Vorsitzender, spricht sich für mehr Entscheidungsspielraum und weniger interne Selbstbeschränkung im Führungsstil der Grünen auf Bundesebene aus. Seiner Ansicht nach sollten die Stärken in den Landesverbänden stärker genutzt werden, da diese mit unterschiedlichen Schwerpunkten bereits erfolgreich seien, anstatt alles über einen Kamm zu scheren. Nouripour betont jedoch auch die Bedeutung von Geduld nach einer Regierungsbeteiligung und verweist auf die stabile Zusammenarbeit zwischen Parteivorsitzenden und Fraktion – was laut aktuellen Medienberichten gerade in unsicheren Zeiten als wertvolle Basis gilt. Neuere Recherchen zeigen, dass die Grünen in aktuellen Umfragen weiterhin unter Druck stehen, teils wegen unpopulärer Bundesentscheidungen, aber auch ausgelöst durch Debatten um das Heizungsgesetz und innerparteiliche Flügelkämpfe. Trotz dieser Herausforderungen setzt die grüne Parteispitze weiterhin auf Geschlossenheit und eine differenzierte Ansprache der jeweiligen Landeswählerschaften.