Ost-West-Angleichung: Ist das Ziel noch sinnvoll?

Reint Gropp, Chef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, wirft einen kritischen Blick auf das Ziel, die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands auf West-Niveau zu heben – und fordert ein radikales Umdenken.

heute 19:01 Uhr | 1 mal gelesen

Manchmal frage ich mich – und anscheinend tut das auch Herr Gropp – ob dieses ganze Gerede von Angleichung Ost und West nicht an der Realität vorbeigeht. "Ost und West gleichmachen zu wollen, bringt’s nicht mehr", sagt Gropp im Gespräch mit dem 'Spiegel'. Vielleicht hat er recht. Das kontinuierliche Reden über Rückstände im Osten, so seine These, verstärkt nur ein altes Narrativ: Ostdeutsche als diejenigen, denen immer noch Unrecht widerfährt und für die der Staat ausgleichen muss. Daraus macht sich eine Art Dauerschleife: Erwartungen werden geweckt, staatlich befeuert – und am Ende doch nie ganz erfüllt. Ich kann mir vorstellen, wie frustrierend das ist – für beide Seiten, ehrlich gesagt. Statt Unmengen Geld in riesige Industrieprojekte zu stecken, die mit viel Lärm angekündigt werden und dann doch im Sande verlaufen (Chipfabrik in Magdeburg, anyone?), sieht Gropp die Lösung woanders. Nämlich: dicke Investitionen in Forschung, Unis, Start-ups. Da könne ein echter Innovationsfunke entstehen – viel nachhaltiger und weniger polarisierend als diese ewigen Gleichmacherei-Debatten. Zugegeben, der Gedanke ist reizvoll. Wer weiß, vielleicht ist die nächste große Tech-Idee schon irgendwo in Leipzig am Entwickeln. Ein bisschen mehr Mut, das voranzutreiben, könnte nicht schaden.

Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, stellt die dauerhaften Bemühungen um eine wirtschaftliche Angleichung von Ost- und Westdeutschland infrage. Anstatt auf milliardenschwere Großinvestitionen wie die gescheiterten Chipfabriken zu setzen, spricht er sich für massive Aufstockungen bei Forschung, Universitäten und Start-up-Förderungen im Osten aus, um so eigenständige Innovationskraft zu schaffen. Ergänzend zeigt die aktuelle Debatte in Medienberichten: Das Thema Ost-West-Gefälle bleibt emotional und politisch aufgeladen, etwa mit Bezug auf unterschiedliche Löhne, politische Einstellungen und das Gefühl, abgehängt zu sein; trotzdem wächst Akzeptanz für differenzierte Entwicklungswege und innovative Ansätze abseits der immergleichen Gleichmacherei. Zudem äußerte sich Gropp weitergehender gegenüber der Süddeutschen Zeitung über die Notwendigkeit, regionale Unterschiede als Bereicherung zu sehen und plädierte für eine stärkere Fokussierung auf Bereiche, in denen der Osten inzwischen Vorreiter ist, beispielsweise in der Energiewende und bestimmten Hightech-Feldern.

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