Nahezu alle Stimmen sind ausgezählt, und die Partei 'Zivilvertrag', das politische Zuhause von Premierminister Nikol Paschinjan, liegt kurz unter der Marke von 50 Prozent – ein klares Zeichen der Zustimmung, allerdings ohne absolute Dominanz. Die Konkurrenz, insbesondere das prorussische Lager um das Bündnis 'Starkes Armenien', kommt abgeschlagen auf rund 23 Prozent, bleibt jedoch ein ernstzunehmender Faktor in der politischen Landschaft. Interessanterweise will die Wahlkommission die finale Zahl erst im Laufe des Montags verkünden – eine gewisse Spannung bleibt also im Raum. Kurios oder vielleicht folgerichtig: Diese Wahl, die erste nach dem höchst umstrittenen Verlust von Bergkarabach an Aserbaidschan im letzten Jahr, entwickelte sich zu einer regelrechten Feuerprobe für die politische Zukunft Armeniens. Paschinjan selbst positioniert sich mit klaren Worten für Souveränität, mehr Demokratie und die Annäherung an Europa. Er setzt dabei ausdrücklich auf die Unterstützung der EU, welche für die geplanten Reformen offenbar unentbehrlich erscheint. Ganz ohne Schatten verlief die Wahl jedoch nicht: Immer wieder standen Warnungen vor russischer Einflussnahme im Raum. Noch dazu meldeten die Behörden kurz vor der Entscheidung, dass über 40 Personen im Zusammenhang mit Stimmenkauf unter Verdacht geraten und festgenommen worden seien – ein verräterisches Indiz für die aufgebrachte politische Stimmung im Land. Wirkliche Sicherheit vor Manipulation gibt es wohl auch 2024 nicht.
Die armenische Parlamentswahl stellt einen markanten politischen Wendepunkt dar, geprägt von klaren Sympathiebekundungen für den proeuropäischen Kurs Paschinjans, aber auch von innen- und außenpolitischen Spannungen. Kritische Beobachter verweisen auf den tiefen Bruch in der Gesellschaft – zwischen Westorientierung und alten Bindungen an Moskau, besonders nach dem dramatischen Rückzug aus Bergkarabach. Die massive Festnahme mutmaßlicher Stimmenkäufer und die anhaltenden Gerüchte über russische Einflussversuche zeigen, wie herausfordernd und fragil die Demokratisierung in Armenien bleibt: Ein Land, das versucht, sich zwischen geopolitischen Lagern eine neue Identität zu schmieden. Laut aktuellen Berichten hat die Wahlbeteiligung bei etwa 49% gelegen, wobei unabhängige Wahlbeobachter zwar einige Unregelmäßigkeiten meldeten, das Wahlergebnis jedoch grundsätzlich anerkannt wurde. Die EU begrüßte das klare Mandat Paschinjans und signalisierte ihre Bereitschaft für weitere Unterstützung, insbesondere im Rahmen wirtschaftlicher Kooperation und Reformen. Die russische Führung betrachtete das Wahlergebnis hingegen mit Zurückhaltung und verweist auf die Gefahr einer Destabilisierung der traditionellen Einflusszone. Ein bemerkenswerter Aspekt: Viele jüngere Armenier:innen äußern in sozialen Medien Hoffnung auf einen nachhaltigen Wandel und eine Abkehr von alten, postsowjetischen Strukturen.