Rechenzentren: Klimaneutralität geht in die Gasreserve

Obwohl Gesetze auf grünen Strom pochen, setzen viele neue Rechenzentren gerade auf eigene Gaskraftwerke, um Versorgungsengpässe zu überbrücken.

heute 06:57 Uhr | 4 mal gelesen

Im Windschatten ambitionierter Klimaziele entsteht zurzeit ein eher kurioses Bild: Deutschlands Rechenzentren, die eigentlich voll auf erneuerbare Energien umsteigen sollten, bauen lieber gleich ihr eigenes Gaskraftwerk daneben. Das liegt nicht mal an mangelnder Lust aufs Grüne, sondern daran, dass das bestehende Stromnetz vielerorts einfach zu schwach auf der Brust ist. Ralph Hintemann vom Borderstep Institut bringt es auf den Punkt: 'Die entscheidenden Netzkapazitäten fehlen dort, wo die großen Datenhallen aus dem Boden gestampft werden.' Die Beispiele sind schillernd – Edgeconnex in Maintal tüftelt an einem 170-MW-Gaswerk, das bis 2037 den Juice liefert, bis der Stromanschluss endlich da ist. Eon und CyrusOne machen es ähnlich, schieben in Frankfurt einen eigenen 61-MW-Brenner nach. Mainz folgt mit einem 54-Megawatt-Boliden für Green Mountain, und Birstein bekommt die „Frank Cube power station“ ins Feld, satte 200 MW nur fürs eigene Rechenzentrum. Paradox: Die Ampel will bis 2030 satte sechs Gigawatt Rechenzentrums-Leistung – und ab 2027 dürfen in diesen Zentren laut Gesetz eigentlich nur noch erneuerbare Energien vom Zähler laufen. Aber da gibt’s noch eine Lücke: Wer nicht echten Öko-Strom bekommt, kann mit Zertifikaten tricksen. Klingt grün, ist aber manchmal nur Papier. Irgendwie fühlt sich das ein bisschen nach Flickenteppich-Politik an, oder?

Deutschlands Rechenzentren geraten derzeit in ein Dilemma: Die rasant steigende Nachfrage nach digitaler Infrastruktur prallt auf ein mangelhaft ausgebautes Stromnetz – mit dem Ergebnis, dass vielerorts fossile Gaskraftwerke als temporäre (oder doch längerfristige?) Lösung herangezogen werden. Trotz der gesetzlichen Vorgabe, ab 2027 bilanziell zu 100 Prozent auf erneuerbare Energie zu setzen, wird mit Zertifikaten und Ausgleichsmechanismen die ‚grüne‘ Bilanz oft nur am Reißbrett erzeugt. Recherchen zeigen zudem, dass die Politik und die Branche unter erheblichem Zeitdruck stehen, um neue Netzkapazitäten und tatsächlich grüne Versorgungsoptionen schnell genug an den Start zu bringen – sonst könnten fossile Brückentechnologien länger bleiben als gedacht.

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